Saturday Night Fever

© Paramount

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Saturday Night Fever
USA 1977 | 118 Minuten
Drama, Musikfilm
IMDb: 6.8 | Meine Bewertung 3.5 von 5.0

Regie: John Badham; Drehbuch: Norman Wexler; Musik: Barry Gibb, Maurice Gibb, Robin Gibb, David Shire; Kamera: Ralph D. Bode; Cast: John Travolta (Tony Manero), Karen Lynn Gorney (Stephanie Mangano), Barry Miller (Bobby), Donna Pescow (Annette).


© Paramount | Movie Poster


 

Der Film ist ein Meilenstein des Musikfilms, der Disco global machte und Travolta zum Superstar werden liess.


Eine einzigartige Erfolgsgeschichte

Die Erfolgsgeschichte von SATURDAY NIGHT FEVER erinnert an einen unvorhersehbaren Unfall. Das Studio Paramount Pictures nahm für diese Produktion damals nicht viel Geld in die Hände. Das Budget belief sich auf bescheidene 3,5 Millionen Dollar. In dieser Zeit kosteten die meisten Hollywood-Filme mehr: Das Budget des Action-Thrillers SORCERER von William Friedkin (Universal Pictures und Paramount Pictures) betrug 22 Millionen Dollar, der gefloppte Tierhorrorfilm ORCA von Michael Anderson (Paramount Pictures / Famous Films) durfte mit 13 Millionen Dollar haushalten und selbst dem oscarprämierten Kriegsdrama JULIA von Fred Zinneman (20th Century Fox) standen mit 7.8 Millionen Dollar deutlich mehr Geld zur Verfügung. Mit 3.5 Millionen Dollar waren keine grösseren Sprünge möglich. Aufgrund des geringen Filmbudgets wurde mit John Badham, ein unbekannter Regisseur engagiert, der bis dahin vor allem fürs Fernsehen tätig war. Dann gab es den Glücksfall John Travolta, den man hauptsächlich für seine Rolle als Vinnie Barbarino in der TV-Serie WELCOME BACK, KOTTER (1975-1979) kannte, und kurz vor seinem grossen Durchbruch stand.

SATURDAY NIGHT FEVER ist ein typischer B-Movie – rough, schäbig und direkt. Es geht ständig um Sex und die grenzwertigen Dialoge sind dreckig und vulgär. Unter normalen Umständen gelangt ein solcher Film nie an ein grösseres Publikum. Hätte alles seinen vorgesehenen Verlauf genommen, dann wäre SATURDAY NIGHT FEVER längst irgendwo in einem Filmarchiv verstaubt. Genauso wie das gleichaltrige Filmdrama HEROES von Jeremy Paul Kagan oder der Horrorfilm THE PACK von Robert Clouse. Doch SATURDAY NIGHT FEVER schrieb Filmgeschichte. Im Dezember 1977 lief der Film in den amerikanischen Kinos an und sorgte für ein popkulturelles Erdbeben, wie man es in dieser Stärkeklasse nur sehr, sehr selten erlebt. Der Film spielte sagenhafte 235 Millionen Dollar ein, der Soundtrack gehört nach wie vor zu den erfolgreichsten Soundtracks aller Zeiten und Travolta stieg in Hollywood zum Megastar auf. Der Film steht für ein Lebensgefühl und prägte damit eine ganze Generation. Die Disco-Kultur setzte dank diesem Film zum unvergleichlichen Höhenflug an.

Heute ist SATURDAY NIGHT FEVER kontroverser denn je. Viele Zuschauer und Zuschauerinnen lehnen den Film aus berechtigten Gründen ab. Ein Missverständnis scheint mir zu sein, dass der Film aufgrund seines immensen Erfolges generell als A-Movie bzw. als Blockbuster wahrgenommen wird. Somit überschritt der Film den Kreis seiner ursprünglich gedachten Zielgruppe und wurde von Menschen beurteilt, die solche Filme grundsätzlich ablehnen.

Der überhebliche und attraktive 19-jährige Italoamerikaner Tony Manero (Travolta) arbeitet in einem Farbgeschäft in Brooklyn. Er lebt bei seinen Eltern, die ihn für seinen Lebensstil kritisieren und ihn immer wieder mit seinem älteren Bruder Frank vergleichen, der als Priester von allen hochangesehen wird. Seine grösste Leidenschaft ist das Tanzen. Jeden Samstag fährt er mit seinen Freunden in die Disco und bricht für einige Stunden aus seinem eintönigen Leben aus. Dort werden junge Frauen aufgerissen und flachgelegt. Tony schwebt jeweils wie ein Gott über die Tanzfläche und wird von allen bewundert. Gemeinsam mit Annette (Pescow) will er an einem Tanzwettbewerb teilnehmen. Eigentlich möchte Annette mehr von Tony, doch dieser serviert sie stets eiskalt ab. Schliesslich ersetzt er sie durch die kühle Stephanie (Gorney), die wohl auch die talentiertere Tänzerin ist. Zugleich wird auch sein Jagdinstinkt bei ihr geweckt, weil Stephanie ihn abweist, weil sie glaubt, dass Tony nicht ihre Kragenweite hat. Dennoch bilden sie für den Wettbewerb ein neues Tanzduett. Zusammen proben sie für den grossen Tag, doch auch die Gefühle zwischen ihnen geraten in Bewegung. Am Tanzwettbewerb kommen sie schliesslich zusammen und gewinnen die Siegestrophäe.

Dieser Film kann aus unterschiedlichen Sichtweisen betrachtet werden. So ist der Film ein Musik- und ein Tanzfilm, eine Milieustudie, eine Komödie, ein Liebesfilm und auch ein Coming-Of-Age-Drama. Der Film ist nur ein mittelmässiges Drama und ein wenig berauschender Liebesfilm, jedoch ist er ein grandioser Musik- und Tanzfilm. Auf der erzählerischen Ebene hat er definitiv seine Schwächen. Zu Beginn werden erstaunlich viele soziale und zwischenmenschliche Themen aufgeworfen, jedoch werden viele interessante Themen und auch Erzählfaden leider fallengelassen. Zum Beispiel die Geschichte von seinem Bruder Frank, der seinen Job als Priester an den Nagel hängt, Tonys Rolle in der Familie, die Erwartungen seiner Familie, die Beziehungen zu Annette und Stephanie etc. Deshalb hatte der Film am Ende etwas Unvollendetes. Es fehlte mir etwas an dieser Liebesgeschichte und warm wurde ich nicht mit diesem unsympathischen Liebespaar. Der Film hat seine Schwächen in der Erzählstruktur und in der Entwicklung der Figuren. Auch anderes könnte man kritisieren. Doch SATURDAY NIGHT FEVER geht über diese Bewertungsparameter hinaus, weil es der Film vorzüglich versteht, das Lebensgefühl dieser Zeit einzufangen. Besonders gut gelingt ihm das in den ersten 25 Minuten. Die Musik und der Tanz prägen diesen Film und machen ihn zu einem Meilenstein des Musik- und Tanzfilms. Zu punkten weiss auch die Arbeit des deutschen Kameramanns Ralf D. Bode, der die Bewegung und die Dynamik der Tanzszenen unmittelbar einfängt und mit verschiedenen Kameraperspektiven zu gefallen weiss.

Das Lebensgefühl der Disco-Ära wurde grandios eingefangen

Um Der Musikfilm läuft vor allem in den aufregenden und vergnüglichen Disco-Szenen zur grossen Form auf. In diesen stimmungsvollen Filmszenen wird uns authentisch und glaubwürdig vermittelt, warum die Hauptfigur diesen Ort immer wieder zu seiner Selbstverwirklichung und seinem Lebensglück aufsucht, und diese Disco-Szenen heben sich so erfreulich vom Rest ab, dass man ebenfalls immer wieder dahin zurückkehren möchte, und wir verspüren denselben Wunsch wie Tony.

Der Film ist als grandioses Zeitzeugnis einzuordnen, der das Lebensgefühl der Disco-Jugend aus New York perfekt einfängt.Es gibt wohl kein zweites Zeitdokument, das so präzise und lebhaft diese Zeit und diese damals aufstrebende Jugendkultur darstellt. Mit den Freuden des Hedonismus wollten sie temporär aus ihrem tristen Alltag ausbrechen, und in den faszinierenden Disco-Kosmos eintauchen, bei dem die grossen Lebensfreuden angestrebt werden. Für eine Nacht will man sich abkapseln und sich als König fühlen. SATURDAY DAY NIGHT FEVER ist am besten, wenn er dieses italienisch-amerikanischen Milieu, die Peer-Gruppe um Tony und vor allem die Disco als Sehnsuchtsort für Hedonismus und Eskapismus darstellt. Auch die eingängige Musik trägt viel zu dieser kompletten Darstellung bei. Darum funktioniert der Film primär auf der audiovisuellen Ebene, weil Musik, Stimmung und Bild häufig eine gelungene Einheit bilden. Auch die Liebesgeschichte zwischen Tony und Stephanie ist dann am besten, wenn die Worte ausbleiben und sie nur tanzend miteinander kommunizieren.

Jugendfilme waren in den 1970er Jahren vor allen Dingen nostalgische Filme, die in die Vergangenheit zurückkehrten. Filme, wie z.B. AMERICAN GRAFFITI (1973), THE LORDS OF FLATBUSH (1974), GREASE (1978) oder THE WANDERERS (1979) knöpften sich die 1950er oder die 1960er Jahre vor. SATURDAY NIGHT FEVER interessierte sich für die Gegenwart und war schon deshalb erfrischend anders. Hier wurde auf einen aktuellen Trend aufgesprungen. Die Discokultur nahm im Sommer 1974 mit dem Song ROCK THE BOAT von The Hues Corporation an Fahrt auf und war zum Zeitpunkt der Filmveröffentlichung der letzte Schrei. Dieser Film versetzte der Discokultur einen gewaltigen Buster und schaffte es, ein Massenpublikum dafür zu begeistern. Der dazugehörige Soundtrack sorgte dafür, dass die tanzbare Disco-Musik, die bis dahin primär in schwulen und schwarzen Diskotheken hip war, in den Mainstream vorstiess und auch ein weisses, männliches Publikum fand und Disco legte den Grundstein für eine neue Ausgangskultur, deshalb ist sie ein wichtiger Vorläufer für die hedonistisch geprägte Musik der House- und Techno-Szenen der späteren Dekaden.


Jeden Samstag fährt er mit seinen Freunden in die Disco und bricht für einige Stunden aus seinem eintönigen Leben aus.


Jugendfilme waren in den 1970er Jahren vor allen Dingen nostalgische Filme, die in die Vergangenheit zurückkehrten. Filme, wie z.B. AMERICAN GRAFFITI (1973), THE LORDS OF FLATBUSH (1974), GREASE (1978) oder THE WANDERERS (1979) knöpften sich die 1950er oder die 1960er Jahre vor. SATURDAY NIGHT FEVER interessierte sich für die Gegenwart und war schon deshalb erfrischend anders. Hier wurde auf einen aktuellen Trend aufgesprungen. Die Discokultur nahm im Sommer 1974 mit dem Song ROCK THE BOAT von The Hues Corporation an Fahrt auf und war zum Zeitpunkt der Filmveröffentlichung der letzte Schrei. Dieser Film versetzte der Discokultur einen gewaltigen Buster und schaffte es, ein Massenpublikum dafür zu begeistern. Der dazugehörige Soundtrack sorgte dafür, dass die tanzbare Disco-Musik, die bis dahin primär in schwulen und schwarzen Diskotheken hip war, in den Mainstream vorstiess und auch ein weisses, männliches Publikum fand und Disco legte den Grundstein für eine neue Ausgangskultur, deshalb ist sie ein wichtiger Vorläufer für die hedonistisch geprägte Musik der House- und Techno-Szenen der späteren Dekaden.

Ein Soundtrack für die Ewigkeit

Seit diesem Film hat Filmmusik deutlich an Bedeutung hinzugewonnen. SATURDAY NIGHT FEVER erbrachte den Beweis, dass der dazugehörige Soundtrack einen grossen Werbeeffekt haben kann. Diese wenig überraschende Erkenntnis wurde später als «Cross-Marketing» bekannt. Wenn in den Radios die Musik aus Film X rauf und runter gespielt wird, dann läuft Film X sicher auch erfolgreich in den Kinos. Letztlich profitieren Musik und Film gleichermassen voneinander. Natürlich ist es hilfreich, wenn der Soundtrack zu einem Millionenseller mutiert wie bei SATURDAY NIGHT FEVER. Zu seinem 40-jährigen Jubiläum stellt die Musikplattform Pitchfork dem Doppel-Album ein glänzendes Zeugnis aus. «As a soundtrack, it works perfectly well, immersing listeners in the music (and therefore the spirit) of the film while selling more tickets.» Obwohl der Soundtrack voll mit bekannten Disco-Klassikern ist und die Musik im Film eine zentrale Rolle einnimmt, wurde seltsamerweise kein Song für den Oscar nominiert. Nur HOW DEEP IS YOUR LOVE erhielt an den Golden Globe Awards eine Nomination für den Best Original Song. Das Soundtrack-Album ist definitiv der heisseste Trumpf des Filmes. Ohne Musik geht hier gar nichts und die zugängliche Hit-Sammlung mit zahlreichen funkelnden Nr.1-Ohrwürmern lässt einen sicher nicht kalt. 17 Titel umfasst die Platte, davon stammen sieben Songs aus der Feder der Bee Gees, die diese Platte massgeblich prägten. Ihre Musik klingt auch heute noch erstaunlich frisch und zeitlos. Vor allem ihre Tanzstücke wie NIGHT FEVER oder YOU SHOULD BE DANCING weisen eine Dringlichkeit auf, die einen zum Mitwippen einlädt. Neben den Bee Gees-Songs gibt es auf der Platte eine bunte Mischung aus älteren und neuen Disco-Stücken mit Latino- und Funk-Einschlag, die jedoch mit ihrem süffigen Bombast etwas verstaubt klingen und nicht besonders gut gealtert sind.

Ein Tanzfilm kommt nicht ohne Musik aus, deshalb sind die Disco-Sequenzen und alle Tanz-Szenen vollgepackt mit Musik. Die Musik macht rund 40 Minuten in diesem Film aus. Ich mag es sehr, wie wir uns in einer höchst musikalischen Sequenz (zwischen 12.-24. Minute) Tonys Welt annähern und wir Zeuge von diesem einzigartigen Discogefühl werden. Legendär ist auch der Vorspann! Wenn Tony wie ein stolzer Pfau über die 86th Street in Bay Ridge schreitet, drückt sich zugleich penetrant der Gesang STAYIN’ ALIVE in unser Ohr. Die Lyrics «Got The Wings Of Heaven On My Shoes | I’m A Dancin’ Man And I Just Can’t Lose»sind für diesen jungen Tanzhengst reines Programm. Der Vorspann ist so gut, weil wir in nur wenigen Minuten total viel über die Hauptfigur erfahren. Der Mann ist mit seiner coolen Lederjacke und seinen eleganten Schuhen, die immer wieder eingeblendet werden, zweifellos eine Augenweide. Er ist ein Mann, der auf sein Äusseres achtet und die vorbeigehenden Frauen abcheckt und sie sogar plump anmacht.

Die Musik korrespondiert sehr gut mit der Handlung. Bei NIGHT FEVER bereitet sich Tony in einem ausgeklügelten Vorbereitungsritual auf den baldigen Disco-Besuch vor. Während der künstliche Disco-Klassiker A FIFTH OF BEETHOVEN von Walter Murphy läuft, betritt Tony die Disco, seinen persönlichen Himmel. Der Auftritt wirkt wie eine Hymne! Zum ersten Mal tanzt Tony zum funkigen Disco-Hit DISCO INFERNO von The Trammps. Einige Nummern werden sogar mehrmals eingesetzt. IF I CAN’T HAVE YOU ist Programm: Annette will Tony, doch Tony will sie nicht. Er möchte lieber Stephanie, doch diese ziert sich. Tony und Stephanie proben zusammen und kommen sich näher – wenig subtil bringt das Stück MORE THAN A WOMAN seine Gefühlslage zum Ausdruck. Während des Tanzwettbewerbs kommt dieses Stück erneut zu seinem prominenten Einsatz. In einer langweiligen Tanzszene kommt das Paar vor den Augen aller Zuschauern zusammen. Die Tanzszene verwandelt sich in eine Liebesszene.

Einer der Glücksmomente des Kinos stellt jedoch die Tanzszene zu YOU SHOULD BE DANCING dar. Der junge Tanzkönig nimmt die Tanzfläche im Alleingang in seinen Besitz, verdrängt die anderen Discogäste von der Tanzfläche und sie schauen begeistert dem Solotänzer zu. Beeindruckend wie sich der junge Travolta bewegt – geschmeidig und leichtfüssig. Ich bin jedes Mal ergriffen von dieser überragenden Tanzszene und muss sie mir immer wieder ansehen, weil sie so fantastisch ist. Inszenierung, Bewegung, Darstellung und Musik sind einfach magisch. Es ist einer dieser grossen Momente des Kinos, ikonisch sind seine Moves, die bis heute gerne nachgeahmt werden. Aus meiner Sicht können in der Popkultur nur wenig Tanz-Momente mit dieser massiven Tanzszenen mithalten. Ich denke da in erster Linie an die überwältigende Tanzszene in THE RED SHOES (1948) oder an Michael Jacksons erster Moonwalk-Auftritt im Jahr 1983 anlässlich der Motown-Jubiläumsgala.

Let’s Talk About Sex

In diesem Film erfahren wir sehr viel über den Zeitgeist der 1970er Jahre, über Geschlechtsrollenbilder, Erwartungen, Verhaltensmuster u.v.m. Dafür muss aber unbedingt die Originalfassung angeschaut werden, die in den USA eine Altersfreigabe R erhielt. Jugendliche unter 17 Jahren durften den Film nur in Begleitung eines Beziehungsberechtigen sehen. Aus rein kommerziellen Gründen erschien später noch eine jugendfreie Kinofassung. Diese Version hat den Film zerstört und seiner kulturellen Botschaft beraubt. Das damalige Lebensgefühl kommt nur in der Originalversion zum Ausdruck, die glattgebügelte Version muss als unentschuldbarer Fehler verstanden werden. Die Peer-Gruppe um Tony besucht die Disco, um Frauen flach zu legen. Ihre Wortwahl ist manchmal derb sowie sexualisiert und vulgäre Ausdrücke fallen regelmässig. So soll SATURDAY NIGHT FEVER der erste Hollywood-Film sein, in dem der Ausdruck «Blowjob» verwendet wurde. Die Jungs reden und handeln wie echte Menschen, das mag für einen US-Film erstaunen. Hier trifft der Film den Ton der Jugendlichen jedoch ganz gut. Die Sprache in dieser Peer-Gruppe ist männlich geprägt und Frauen werden häufig abgewertet oder nur als Sexualobjekt akzeptiert. Ihre Misogynie ist augenscheinlich, auch verunglimpfen sie ein schwules Paar oder erlauben sich rassistische Fehltritte. Ausserdem machen sie sich über eine kognitiv eingeschränkte Frau lustig.

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Vor allem zwei kontroverse Filmszenen stossen heute auf viel Ablehnung. Bei diesen erwähnten Szenen muss man wohl von Vergewaltigung sprechen, es lohnt sich aber, diese Szenen etwas genauer zu betrachten, weil sie Szenen sind, die sehr viel über das damalige Verhältnis von Mann und Frau und über den Umgang von Geschlechterrollen aussagen. Nach dem Sieg im Tanzwettbewerb ziehen sich Tony und Stephanie ins Auto zurück. Mit einem innigen Kuss endete ihre Tanzperformance, deshalb ist sich Tony sicher, dass jetzt der nächste Schritt erfolgen soll. Er drängt sie zum Sex, doch sein forsches Vorgehen stösst bei ihr auf Ablehnung und sie gibt ihm eine Abfuhr. Die zweite Szene besitzt mehr Sprengkraft. Annette wurde in den letzten Tagen mehrfach von Tony abgewiesen, deshalb bandelt sie mit einem seiner Freunde an. Womöglich versucht sie Tony damit eifersüchtig zu machen. Die verschmähte Frau fährt dann mit der Clique im Auto mit und dort fallen zwei Männer über Annette her und missbrauchen sie in Anwesenheit des apathischen Tony sexuell. Im Anschluss wertet Tony sie als Hure ab, und nimmt damit Bezug auf ein vorheriges Gespräch, in welchem er den Frauen nahelegt, sich zwischen «nettem Mädchen und Hure» entscheiden zu müssen. An diesen beiden aufschlussreichen Szenen kann bestens abgelesen werden, wie weit die Rap-Culture in der Disco-Kultur fortgeschritten war. Auch wenn diese Szenen von vielen abgelehnt werden, finde ich die Szenen aussagekräftig und interessant, weil sie erstaunlich präzise in die Gesamtgeschichte und in die Gruppendynamik eingebettet werden, deshalb sind auch verschiedene Interpretationsansätze möglich. Diese beschriebenen Szenen sind auf jeden Fall sehr wichtig für die Handlung, weil die Verdorbenheit und Perfidität von Tonys Kollegen augenscheinlich werden. Nur dank diesen Ereignissen fasst er den Entschluss, sich definitiv von seinen Kollegen ab- und sich einem neuen Leben zuzuwenden.

In vielen Feldern verstösst der Film gegen den heutigen Wertekanon und Zeitgeist. Der Film könnte heute nicht mehr so gedreht werden, weil er so aus der Zeit gefallen ist, jedoch habe ich mich auch gefragt, ob es legitim ist, den Film nur aus moralischer Sicht zu beurteilen, und dadurch die kulturelle Leistung des Films abzuerkennen.Darf man den Film schlecht finden, wenn man vor allen Dingen die Hauptfigur ablehnt und unsympathisch findet. Ich kann eine Filmkritik nicht ernst nehmen, wenn ein Film so einseitig beurteilt wird und damit viele Aspekte unter den Tisch fallen.

Das Sexsymbol Tony Manero

Tony Manero ist eine ambivalente, faszinierende und teils abstossende Figur, ein eitler und selbstverliebter Gockel, der Frauen er schlecht behandelt. Kann man eine solche Person mögen? Zweifellos hat er auch etwas Anziehendes an sich. Tony ist eine schillernde Filmfigur, gutaussehend und ist erstaunlich facettenreich gezeichnet. Samstags bricht er jeweils aus seinem öden Alltag aus und lebt dann «als König der Tanzfläche» den Traum vom kurzfristig guten Leben. Das Lebensgefühl der Disco-Ära verkörpert Tony auf eine vollkommene Weise.

Tony Manero wird hier auch gnadenlos als sexy Coverboy inszeniert. Die Frauen reissen sich um den heissen Tänzer mit seinen enganliegenden Kleidern, seiner flotten Frisur und seinem durchdringenden Blick. Sobald er auf der Tanzfläche seine Show abzieht, ist ihm die Aufmerksamkeit der Frauenwelt gewiss. Im Gegensatz zu seinen Jungs schöpft er aus dem tänzerischen Akt sehr viel Befriedigung und er zeigt, dass das Tanzen sein eigentlicher Sex ist.

Badham trieb es mit der Inszenierung auf die Spitze und liess John Travolta halbnackt vor dem Spiegel posieren. Hier wurde offensiv für ein neues männliches Sexsymbol geworben. Nur eine schwarze Unterhose hat er an und sonst nichts und die Kamera wagt den voyeuristischen Blick und fängt ihn freizügig und sexy ein. Die Kamera klebt buchstäblich an seinem Astralkörper und scheint diesen Mann, seinen Körper, sein Gesicht und alles an ihm zu begehren. Ungewöhnlicherweise wird sein muskulöser Torso aus der Untersicht eingefangen und lässt ihn für einen Moment wie eine David-Statue erscheinen. Sein Vorbereitungsritual vor dem Disco-Besuch fällt auf, weil Männer in der Öffentlichkeit nie so viel Raum für ihre Selbstpflege erhalten. Wie er seine Frisur herrichtet, sein Hemd liebevoll bereitlegt, in die enge Hose schlüpft und auf jedes Detail achtet, bis sein Outfit perfekt sitzt, das kannte man zumindest bis dahin nicht von Männern. Bei weiblichen Schauspielerinnen würde man eine solche Darstellung für normal halten, aber nicht bei Männern. Der halbnackte Tony mit seinen ausgesprochen femininen Pflegeritualen irritierte so manche konservativen Zuschauer, doch in dieser Szene wurde ein Sexsymbol geboren. 

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Melancholia