Melancholia

© Frenetic Films

Melancholia
Dänemark 2011 | 135 Minuten
Drama, Katastrophenfilm, Science-Fiction
IMDb: 7.1 | Meine Bewertung 4.0 von 5.0

Regie und Drehbuch: Lars von Trier; Kamera: Manuel Alberto Claro; Schnitt: Molly Malene Stensgaard; Cast: Kirsten Dunst (Justine), Charlotte Gainsbourg (Claire), Alexander Skarsgard (Michael), Kiefer Sutherland (John), Charlotte Rampling (Gaby), John Hurt (Dexter).


© Frenetic Films | Movie Poster


 

Mit MELANCHOLIA schuf Lars von Trier ein bildgewaltiges, intimes Psychogramm – eines der wohl schönsten, das je im Kino zu sehen war, in dem zwei Schwestern dem drohenden Zusammenstoss mit einem fremden Planeten auf gegensätzliche Weise begegnen.


Zwischen Erhabenheit und Eklat

Bei der offiziellen Pressekonferenz zur Filmpremiere von MELANCHOLIA sorgte der dänische Regisseur Lars von Trier 2011 beim Filmfestival in Cannes für einen handfesten Eklat. Das Enfant-terrible schien gut gelaunt und beantwortete die Fragen der Medienvertreter bereitwillig. Er liess es sich nicht nehmen, herumzualbern und Witze zu reissen, doch dann redete er sich um Kopf und Kragen. Am Ende hatte die internationale Presse fragwürdige Aussagen wie «I’m a Nazi» oder «I understand Hitler ... I sympathize with him a bit» notiert. Das Festival reagierte prompt und entzog ihm umgehend die Akkreditierung. Von Trier wurde zur Persona non grata erklärt. Meiner Meinung nach wurde in dieser Situation überreagiert. Natürlich sind solche Sätze nicht akzeptabel, doch der Regisseur entschuldigte sich und ist dafür bekannt, zu provozieren – möglicherweise auch aus Marketinggründen. Wenn man sich den entsprechenden Ausschnitt auf YouTube anschaut, erkennt man einen Mann, der planlos herumredet und selbst erkennt, dass er sich auf dünnem Eis bewegt. Später erklärte von Trier, es hätte ein Gag sein sollen. Sicherlich war sein Monolog bizarr und die unüberlegten Aussagen entstanden aus der Situation heraus, aber eigentlich hätten sie nicht ernstgenommen werden sollen. Ich stimme Katja Nicodemus von der Zeit zu, die die Äusserungen als peinlich, dümmlich und geschmacklos bezeichnete, aber zugleich auf von Triers «sarkastisch- ironischen Dauerzustand» verwies. Entsprechend plädierte sie dafür, die Äusserungen «nicht zu sehr hochzukochen». Vielleicht erhoffte sich von Trier, mit seinen Aussagen Aufmerksamkeit für seinen neuen Film zu erregen. Schliesslich haben Skandale oft dazu beigetragen, Filme ins Rampenlicht zu rücken und haben ihnen damit den Weg zum kommerziellen Erfolg geebnet.

Nicht nur seine ungeschickten Äusserungen wurden unterschiedlich interpretiert, sondern auch der Film selbst erntete überraschend gegensätzlich Reaktionen. Es ist nicht das erste Mal, dass Presse und Publikum uneins sind. Die internationale Filmkritik äusserte sich wohlwollend und bezeichnete ihn als überwältigend und atemberaubend – die Bezeichnung Meisterwerk fiel nicht selten. Im Gegensatz dazu empfanden viele Zuschauer den Film als ausgesprochen langweilig, was angesichts der fehlenden Handlung, nicht überraschend ist. Teilweise wurde der Film als Science- Fiction- oder Katastrophenfilm gesehen, was ihm jedoch nicht gerecht wird. MELANCHOLIA ist in erster Linie ein Drama, gleichzeitig aber auch ein höchst unkonventioneller Genre-Vertreter des Katastrophenfilms. Auch hier geht es um einen Weltuntergang – doch wann hat man im Kino je eine so schöne, visuell überwältigende Katastrophe gesehen? Wenn es zur finalen Kollision kommt und der Planet namens Melancholia wie ein überdimensionierter Ball gegen die Erde zurollt, das Bild in hellem Licht erstrahlt, entfaltet sich eine erhabene Schönheit, die man am liebsten für immer festhalten würde. So ästhetisch wurde eine Katastrophe wohl noch nie inszeniert.

Zwei unterschiedliche Wege in die Katastrophe

Der Film ist unterteilt in eine Ouvertüre und zwei Akte, die nach den Namen der Hauptfiguren, Justine (Dunst) und Claire (Gainsbourg) benannt wurden. Im ersten Akt sehen wir Justines opulente Hochzeitsfeier auf dem noblen Anwesen ihrer Schwester, die von Claire organisiert wurde. Die Feierlichkeiten verlaufen wenig harmonisch. Zuerst kommt Justine mit zwei Stunden Verspätung zu ihrer eigenen Hochzeit. Während die Feierlichkeiten in vollem Gange sind, zieht sie sich immer wieder zurück, und scheint der eigenen Hochzeit fernbleiben zu wollen. Ihre geschiedenen Eltern streiten vor der Hochzeitsgesellschaft miteinander, zudem tut sie sich mit den Erwartungen ihrer Schwester Claire, ihres Schwagers John (Sutherland), ihrer Mutter (Rampling), ihres frischen Ehemannes und ihrem Arbeitgeber schwer, deshalb verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand zusehends und ihre Depressionen nehmen Überhand.

Im zweiten Akt befindet sich Justine in einer schweren Depression. Von der fürsorglichen Claire wird sie auf ihrem Landsitz aufgenommen, wo sich auch das Geschehen im zweiten Akt abspielt. Ihre Laune hellt sich nicht auf, als sie erfahren, dass sich der Planet Melancholia in Richtung Erde bewegt, jedoch sollte es zu keinem direkten Kontakt kommen. Trotzdem nehmen sie die Situation als Gefahr wahr und deswegen wird der Alltag von Justine und Claire, ihrem Mann John und ihrem Sohn Leo zunehmend von dieser Bedrohung bestimmt.

Melancholia, Kirsten Dunst

© Frenetic Films

Die beiden Schwestern sind die Hauptfiguren des Films. Es geht um ihre Beziehung und besonders darum, wie unterschiedlich sie mit der bevorstehenden Katastrophe umgehen. Die sensible Justine leidet unter Depressionen und empfindet das Leben als ständigen Kampf. Ein kurzer Moment der Leichtigkeit entsteht, als sie und ihr Ehemann Michael mit der Stretch-Limousine in einer engen Kurve zum Schloss steckenbleiben. Doch sobald sie an den Feierlichkeiten teilnimmt, verstärken sich ihre Depressionen. Immer wieder zieht sich Justine zurück und meidet dadurch der Kontakt mit den Hochzeitsgästen. Auch ihrem verständnisvollen Ehemann gelingt es nicht, zu ihr durchzudringen. Letztlich zerstört sie in der Hochzeitsnacht ihre Zukunft, auch wenn das endgültige Ende erst mit der baldigen Katastrophe eintritt.

Im Gegensatz dazu wirkt ihre Schwester Claire als rationales und belastbares Gegenstück. Sie führt ein erfülltes Leben mit Ehemann und Kind und kümmert sich liebevoll um ihre kranke Schwester. Claire übernimmt die Rolle der fürsorglichen und verantwortlichen Schwester. Doch als die drohende Katastrophe im zweiten Akt Realität wird, beginnen sich die Rollen der Schwestern zu verschieben. Während Justine im Alltag oft als schwach erscheint und Claire die stabile, besonnene Person ist, verfällt Claire zunehmend in Hysterie, als der Planet Melancholia näherkommt. Sie weiss nicht, wie sie mit der schwierigen Situation umgehen soll,während Justine sichtlich an Ruhe gewinnt. Für sie scheint der bevorstehende Weltuntergang eine Art Erlösung zu sein, und sie sehnt sich nach dem Tod. Claire hingegen hat deutlich mehr zu verlieren: Ihr Sohn, ihr glückliches Leben, ihre Zukunft – alles droht zu zerbrechen. Justine hingegen, die aufgrund ihrer Depressionen schon mehrfach am Abgrund stand, ist gefasst. In einem zentralen Dialog sagt Justine zu ihrer Schwester, die Erde sei schlecht. Sie müssten nicht um sie trauern. Der Planet Melancholia wird zum Sinnbild für Justines Depression und steuert unaufhaltsam auf die Erde zu. Es gibt für sie kein Entrinnen, aber die Rollen der Schwestern haben sich vollständig gedreht.

Das Gesicht der Melancholie

Gemäss Lars von Trier sei Justine sein Alter Ego. Da er selbst an Depressionen leidet, kennt er die damit verbundenen Herausforderungen im Alltag bestens aus eigener Erfahrung. Die Wahl von Kirsten Dunst für die Hauptrolle war klug, auch wenn ursprünglich Penélope Cruz vorgesehen war. Dunst hat selbst schmerzhafte Erfahrungen mit Depressionen gemacht. Nach ihrem Aufstieg zum Hollywood-Superstar durch die SPIDER-MAN-Trilogie (2002-2007) zog sie sich wegen ihrer Erkrankung fast zwei Jahre aus der Öffentlichkeit zurück. Mit MELANCHOLIA feierte sie ein traumhaftes Comeback und gewann in Cannes den Preis als beste Schauspielerin. Ihre Darstellung in diesem Film ist eindrücklich. Die Kamera rückt Justines verletzliches Gesicht in den Fokus, wodurch wir ihr ganz nah kommen. Von Trier gibt uns die Möglichkeit, ihr Gesicht zu studieren – es wird zur Leinwand, auf der sich ihr Gemütszustand manifestiert. Dieser Film ist weniger eine Handlung als vielmehr ein emotionaler Zustand, der sich hauptsächlich über das Gesicht und innere Wandlung von Justine wahrnehmen lässt. Das ist natürlich eine Steilvorlage für fantastisches Schauspiel. Dunst überzeugt in ihrer Rolle auf ganzer Linie, ebenso wie Charlotte Rampling als sarkastische, verbitterte Mutter und Charlotte Gainsbourg, die ebenfalls starke Performances abliefern. Ich rechne es von Trier hoch an, wie gut er die Charaktere zeichnet und dass sogar die Nebenfiguren eine psychologische Tiefe erhalten. Was ihn besonders auszeichnet, ist die Art, wie von Trier nicht nur die Gegensätze der Schwestern hervorhebt, sondern die Figuren nuanciert und differenziert ausbalanciert.


Dieser Film ist weniger eine Handlung als vielmehr ein emotionaler Zustand, der sich hauptsächlich über das Gesicht und innere Wandlung von Justine wahrnehmen lässt.


Mit nur wenigen Szenen gelingt es von Trier, uns einen vertieften Einblick in die Hintergründe der Familie zu geben, was den ersten Akt für mich überzeugender macht als den zweiten. Besonders die Episode mit Justine hat mir gefallen, in der die Figuren auf eindrucksvolle und subtile Weise miteinander interagieren. Von Trier zeigt hier einmal mehr, wie meisterhaft er die Beziehungsdynamiken der Charaktere inszeniert. Im zweiten Akt, als die Katastrophe näher rückt, verliert die Spannung zunächst etwas an Intensität, da die Beziehungsdynamiken nicht mehr gleichermassen im Fokus stehen. Stattdessen kommt ein Thrill-Faktor hinzu, da die Frage aufkommt, ob es tatsächlich zur Katastrophe kommt. Der Fokus verlagert sich darauf, wie die Figuren mit der bevorstehenden Zerstörung umgehen. Man könnte dem Film vorwerfen, dass er wenig Handlung bietet, doch gerade das macht ihn als Charakterstudie so faszinierend.

Mit nur wenigen Szenen gelingt es von Trier, uns einen vertieften Einblick in die Hintergründe der Familie zu geben, was den ersten Akt für mich überzeugender macht als den zweiten. Besonders die Episode mit Justine hat mir gefallen, in der die Figuren auf eindrucksvolle und subtile Weise miteinander interagieren. Von Trier zeigt hier einmal mehr, wie meisterhaft er die Beziehungsdynamiken der Charaktere inszeniert. Im zweiten Akt, als die Katastrophe näher rückt, verliert die Spannung zunächst etwas an Intensität, da die Beziehungsdynamiken nicht mehr gleichermassen im Fokus stehen. Stattdessen kommt ein Thrill-Faktor hinzu, da die Frage aufkommt, ob es tatsächlich zur Katastrophe kommt. Der Fokus verlagert sich darauf, wie die Figuren mit der bevorstehenden Zerstörung umgehen. Man könnte dem Film vorwerfen, dass er wenig Handlung bietet, doch gerade das macht ihn als Charakterstudie so faszinierend. 

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