Ascenseur pour l’échafaud (Fahrstuhl zum Schafott)
© Nouvelles Éditions de Films (NEF), Rialto Pictures
Ascenseur pour l’échafaud
Frankreich 1958 | 88 Minuten
Krimi, Drama, Thriller
IMDb: 7.9 | Meine Bewertung: 3.0 von 5.0
Regie: Louis Malle; Drehbuch: Roger Nimier, Louis Malle; Musik: Miles Davis; Kamera: Henri Decaë; Schnitt: Léonide Azar; Cast: Jeanne Moreau (Florence Carala), Maurice Ronet (Julien Tavernier), Georges Poujouly (Louis), Lino Ventura (Kommissar Chérier).
© Nouvelles Éditions de Films (NEF), Rialto Pictures | Movie Poster
Stilvoll inszeniert, untermalt von Miles Davis cooler Jazzmusik, fasziniert der Film mit viel Eleganz und Melancholie.
Die Eleganz eines melancholischen Streifzugs
Wenn ich an diesen Film denke, geht es mir wohl nicht anders als vielen anderen. In Erinnerung hat man diese meditative Szene mit Jeanne Moreau, in der sie als Florence Carala ziellos durch das nächtliche Paris streift. Sie wirkt verzweifelt und ratlos, und am Ende ihrer Odyssee wird sie wegen Verdachts auf Prostitution von der Polizei verhaftet. Im Café Royal Cameé wartete sie auf ihren Liebhaber Julien, doch dieser erscheint aus ihr unerklärlichen Gründen nicht am vereinbarten Treffpunkt, deshalb begibt sie sich auf die Suche nach ihm. Zu diesem Zeitpunkt weiss sie nicht, dass er in einem Fahrstuhl festsitzt und es ihm nicht möglich ist, sie zu treffen. Quälende Fragen gehen ihr durch den Kopf. In ihren Gedanken gefangen, fühlt sie sich völlig isoliert – genauso wie ihr Geliebter, der im Fahrstuhl eingeschlossen ist. Sie wird von unangenehmen Gedanken gejagt: Hat Julien den geplanten Mord begangen? Warum betrügt er sie mit der kleinen Floristin? Wie eine Schlafwandlerin schlendert sie gedankenverloren durch die Nacht, wobei sich ihr Unbehagen in ihrem Gesicht widerspiegelt.
Die genannte Szene zwischen der 24. bis 27. Minute ist eine ausserordentlich gute Szene und kann, als der grosse Höhepunkt des Films betrachtet werden. Das liegt einerseits an der anmutigen und verletzlichen Jeanne Moreau, die ohne Worte ihre Befindlichkeit zum Ausdruck bringt. Andererseits besticht die Szene durch eine aussergewöhnlich ästhetische Inszenierung, die in sanft verschwommenen Schwarz-Weiss-Bildern eine besondere visuelle Schönheit entfaltet. Was diese Szene besonders macht, ist die musikalische Untermalung durch die kühlen und eleganten Klänge von Miles Davis Jazzmusik. Die Musik dominiert die Szene und drängt die Hauptdarstellerin kurzzeitig in den Hintergrund. Wie in Trance bewegt sie sich durch die Nacht, und für einen Moment können wir uns in die distanzierte Femme Fatale hineinfühlen.
In Erinnerung hat man diese meditative Szene mit Jeanne Moreau, in der sie als Florence Carala ziellos durch das nächtliche Paris streift.
Ein Mordkomplott setzt eine Reihe von unerwarteten Ereignissen frei. Florence und ihr Liebhaber Julien Tavernier haben eine Affäre und schmieden den Plan, ihren Ehemann, den wohlhabenden Rüstungsunternehmer Simon Carala, umzubringen. Der Mord wird als Selbstmord inszeniert. Ihr ausgeklügelter Plan geht jedoch nicht auf, weil Julien im Aufzug stecken bleibt und deswegen den Tatort nicht verlassen kann. Florence wartet derweil auf ihren Liebhaber und verzweifelt daran, dass er nicht auftaucht. Zugleich stiehlt ein junges Pärchen Juliens Auto, um sich eine Spritztour zu gönnen. Während einem Zwischenstopp in einem Motel lernen sie ein deutsches Touristenpärchen kennen. Sie geben sich unter einer falschen Identität aus und er stellt sich als Julien Tavernier vor. Bei einer Auseinandersetzung mit den Deutschen greift Louis zur Waffe und tötet den Deutschen. Zusammen mit seiner Freundin Véronique flieht er nach Paris. Da der Mord mit Juliens Waffe geschehen ist, wird Julien zum Hauptverdächtigen und in ganz Frankreich gesucht, obwohl er die ganze Zeit im Fahrstuhl festsass.
Malles Spiel mit Alfred Hitchcock
Der 25-jährige Louis Malle stand mit dem Film-Noir am Anfang seiner erfolgreichen Filmkarriere. Womöglich hätte Malle damals gerne einen Film wie SPELLBOUND (1945) oder NOTORIOUS (1946) erschaffen, denn Alfred Hitchcock zählte zu seinen erklärten Vorbildern. Wie kein Zweiter verstand es Hitchcock, Motive des Liebesfilms mit Elementen aus Thriller oder Kriminalfilm zu kombinieren. In Malles Debütfilm finden wir ebenso Hitchcocks typische Suspense-Dramaturgie vor. Von Anfang an kennen wir den Täter und wir wissen, warum die Wiedervereinigung zwischen Florence und Julien ausbleibt. Wie schwierig es ist, ein gelungener Genre-Hybrid zu erschaffen, zeigt ASENSEUR POUR L’ÉCHAFAUD exemplarisch auf und man muss es sagen, wie es ist, der Film ist ein gutes Stück von Hitchcocks besten Filmen entfernt. Die Handlung wird schleppend vorgetragen und viele Szenen wirken monoton auf mich, so dass wir es grundsätzlich mit einem langweiligen Film zu tun bekommen, dessen wahre Schönheit vor allem in einzelnen Momenten hervortritt. Es ist ein fantastischer und eleganter Film mit wunderschönen Bildern, einer gut eingesetzten Kamera und einer ungewöhnlichen Montage. Auch wenn ich nur wenig für den Film übrighabe, ist es doch ein hochfaszinierender Film, bei welchem die Form vor dem Inhalt kommt.
© Nouvelles Éditions de Films (NEF), Rialto Pictures
In den ersten drei Minuten wird uns das Gefühl vermittelt, dass wir hier mitten in einen rührseligen Liebesfilm hineingeraten sind. Gleich in der ersten Szene legt uns eine extreme Detailaufnahme Florence verletzliches Gesicht frei. Tränen sind zu erkennen, während sie zarte Worte hervorbringt. Drei Mal spricht sie es aus: «Je t’aime!». Sie wolle ihn nicht verlassen, später redet sie davon, dass sie dann frei sind. In der Eröffnungsszene tauscht das Liebespaar Zärtlichkeiten am Telefon aus, wobei auch Julien sich nicht mit leidenschaftlichen Liebesbekundungen zurückhält. Beim Film handelt es sicherlich um einen ungewöhnlichen Liebesfilm, denn das Liebespaar ist sich im ganzen Film nie mehr so nah wie in dieser Szene. Das Verbrechen hätte sie vereinen sollen, doch es trennt sie. Nur einmal sieht man sie zusammen. Auf einem Foto! Anfangs fiel es mir schwer, ihren pathetischen Worten Glauben zu schenken, besonders da sie sich als Femme Fatale entpuppte. Das Liebesmotiv schimmert zwischendrin hindurch, im weiteren Verlauf wird der Liebesfilm jedoch zugunsten des Gangster- und Kriminalfilms zurückgebunden. Bis zur 57. Minute verstehe ich ihn als Gangsterfilm mit Mördern und Dieben. Dabei erinnert der hübsche Kleinganove Louis an den Kleinkriminellen Michel Poiccard (Jean-Paul Belmondo) in À BOUT DE SOUFFLE (1960). Sobald Kommissar Chérier ab der 58. Minute auf der Bildfläche erscheint, entwickelt sich der Film zum Kriminalfilm, allerdings scheint mir gerade in diesem Genre die Schwächen am offensichtlichsten zutage zu treten.
Miles Davis als unsichtbarer Erzähler
Angesichts der zentralen Bedeutung, die die Filmmusik in diesem Film einnimmt, kann er durchaus als Musikfilm bezeichnet werden. Der aufregende Soundtrack von Miles Davis setzt dem Film einen unverwechselbaren Stempel auf. Bis zu diesem Zeitpunkt war noch nie ein Soundtrack in dieser Vollkommenheit zu hören gewesen. Das Album fällt durch seine Geschlossenheit auf und selbst als eigenständiger Tonträger funktioniert es formidabel. Doch die Musik ist hier weit mehr als nur Musik. Manfred Papst schrieb im DU-Magazin (02/2005) über Jazz-Musik im Film, dass die Filmmusik durch seine Dynamik und Offenheit den Bildern eine ganz eigene, suggestive Qualität verleiht. Die Musik wurde eng in die filmische Struktur eingebunden und dadurch wird der Film massgeblich von der Musik geprägt. Louis Malle meinte, dass die Musik den ursprünglichen Film verwandelt hätte: «Die Musik hätte nicht die Emotionen vertieft, die die Bilder und der Dialog vermittelten. Sie wirkte kontrapunktisch, elegisch und losgelöst.»
Um die wichtige Rolle der Musik in diesem Film verstehen zu können, muss man unbedingt etwas über die Entstehungsgeschichte des Films bzw. des Soundtracks wissen. Der begeisterte Jazzfan Louis Malle hatte die Vision, den Jazzmusiker Miles Davis für sein Filmprojekt zu gewinnen. Als Davis für eine Reihe von Konzerten im Club Saint-Germain nach Paris kam, nutzte der junge Mann die Gunst der Stunde und konnte Davis zum Mitmachen überzeugen. Zunächst liess sich Davis die Rohfassung des Films zeigen und machte sich ein paar Notizen dazu. Am 4. Dezember 1957 besuchte er mit seiner neuen Band das Tonstudio. Dort wurden ihnen 20-30-sekündige Filmhäppchen präsentiert und die Band begann dazu frei zu improvisieren. Dabei mussten die Musiker keine Songstrukturen einhalten und waren in ihrer Interpretation weitgehend frei. Bereits nach wenigen Stunden war der Soundtrack eingespielt. Somit gehört die Musik zu einer raren Sorte von Soundtracks, die vollständig durch improvisierte Kompositionen entstanden sind.
Der Einsatz dieser kühlen, eindringlichen Musik ist zumeist beeindruckend und fügt sich organisch in die stilvollen Schwarzweiss-Bilder des Filmes ein. Darüber hinaus fällt es auf, dass die Musik bei den Szenen mit Jeanne Moreau häufig eine melancholische und ruhige Stimmung erzeugen. Vor allem in der ersten Filmhälfte hat die Musik einen immensen Einfluss auf die Atmosphäre des Filmes, jedoch gibt es in der zweiten Filmhälfte zwei grossartige Musikszenen, auf die ich hier noch etwas vertiefter eingehen möchte. Erwähnenswert ist aus musikalischer Sicht die letzte Szene des Films. Der Höhepunkt dieser Szene ist der Monolog von Florence (ab der 87. Minute), der auf eine lyrische Weise ihren emotionalen Gefühlszustand offenbart. Dabei verschmelzen Musik und Stimme zu einer genussvollen Einheit. Die Art, wie Florence spricht, und wie die stimmungsvolle Musik sich über die Szene legt, erinnert an einen Spoken-Word-Auftritt, bei dem Worte und Musik sich gegenseitig unterstützen.
Eine weitere Szene mit musikalischem Schwerpunkt ist die Verhörszene, die in seiner Inszenierung wie aussen vorsteht und nicht so richtig in den Gesamtrahmen des Films passen möchte. Das ist auch so, weil die Protagonisten in einem dunklen, künstlich erscheinenden Raum befinden und die Musik experimentell ist, etwas stärker im Hintergrund, doch wilder und vitaler als sonst. Die gesamte Szene verfügt über einen künstlerischen und avantgardistischen Ansatz.