Once Upon A Time… In Hollywood
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Once Upon A Time… In Hollywood
USA 2019 | 161 Minuten
Drama, Komödie
IMDb: 7.6 | Meine Bewertung 4.5 von 5.0
Regie und Drehbuch: Quentin Tarantino; Kamera: Robert Richardson; Schnitt: Fred Raskin; Cast: Leonardo DiCaprio (Rick Dalton), Brad Pitt (Cliff Booth), Margot Robbie (Sharon Tate), Emile Hirsch ( Jay Sebring), Margaret Qualley (Pussycat), Bruce Dern (George Spahn), Al Pacino (Marvin Schwarz).
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Tarantinos Film ist eine nostalgische Hommage an Hollywood, die mit detailreicher Atmosphäre und mit entspanntem Erzählton begeistert.
Zwischen Plot und Abschweifen
Viele Tarantino-Fans kritisierten den Film und fanden ihn im Vergleich zu PULP FICTION (1994) oder DJANGO UNCHAINED (2012) langweilig. Mit der episodisch ausschweifenden Erzählweise konnten sie nur wenig anfangen. Man vermisste darin einfach einen guten Plot. Diese Kritik ist durchaus verständlich, allerdings sollte ONCE UPON A TIME IN ... HOLLYWOOD aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden, weil die Handlung von sekundärer Bedeutung ist.
Hollywood, Februar 1969. Der Hollywood-Schauspieler Rick Dalton (DiCaprio) war früher einmal ein sehr erfolgreicher Western-Star, doch seine Karriere befindet sich inzwischen auf dem Sinkflug. Sein Agent Marvin Schwarz (Pacino) versucht seiner Karriere mit einer Rolle in einem Spaghetti-Western wieder anzukurbeln, doch Dalton hat wenig Interesse an italienischen Western. Ständig an seiner Seite ist sein „Mädchen-für-alles“ Cliff Booth (Pitt). Booth ist sein Stunt-Double, doch eigentlich ist er viel mehr: Er ist sein Buddy, Seelentröster und Beschützer in einem. Cliff ist eine geheimnisvolle Figur, die anscheinend seine Frau auf dem Gewissen hat – das wird gemunkelt. Später macht er die unangenehme Bekanntschaft mit Marilyn Mansons Teufelssekte. Die dritte Hauptrolle geht an die attraktive Schauspielerin Sharon Tate, (Robbie) die Frau des erfolgreichen Jungregisseur Roman Polanski. Das Paar bewohnt ein schönes Anwesen am 10050 Cielo Drive in Los Angeles und ist damit unmittelbarer Nachbar von Rick Dalton.
Tarantino katapultiert uns in seinem neunten Spielfilm zurück ins Jahr 1969. Was war das für ein Jahr! Amerika landete auf dem Mond, und in Woodstock feierten die Hippies ein rauschendes Musikfest, wie es die Welt zuvor noch nie erlebt hatte. Der Vietnamkrieg tobte weiter, und in New York kam es zum legendären Stonewall-Aufstand von LGBTQ-Personen, die sich gegen Diskriminierung wehrten. 1969 war aber auch das Jahr, in dem die hochschwangere Schauspielerin Sharon Tate von der okkulten Manson-Sekte auf monströse Weise ermordet wurde. Die Bluttat markierte einen Wendepunkt der Hippie-Bewegung und sorgte weit über Los Angeles hinaus für grosse Aufmerksamkeit. Dieses erschütternde Massaker wollte Tarantino in seinen Film aufnehmen und verarbeiten, deshalb kam der Film genau 50 Jahre nach diesem Verbrechen ins Kino.
Hollywood ist eine Traumfabrik, wo Träume erzeugt werden
Um diesen Film wirklich schätzen zu können, ist es wichtig, die damaligen Gegebenheiten in Hollywood ein bisschen zu kennen. Ohne dieses Hintergrundwissen bleibt vieles im Verborgenen, und viele Anspielungen verlieren ihre Wirkung. Es ist vergleichbar mit dem Besuch einer Klassenzusammenkunft, bei der alle nostalgisch über gemeinsame Erlebnisse sprechen, während man selbst als Aussenstehender danebensteht und keine Verbindung zu den Namen oder Geschichten herstellen kann. Alle Tarantino-Filme operieren stark auf einer Metaebene, doch bei diesem Streifen ist das Hintergrundwissen eine Voraussetzung für den vollen Genuss.
Hollywood stand vor einem einschneidenden Umbruch. Im Jahr 1969 befinden wir uns an einem besonderen Wendepunkt in der amerikanischen Filmgeschichte. Die Goldene Ära machte dem New Hollywood-Kino Platz. Filmregisseure wie John Ford oder George Cukor wurden durch neue Filmemacher wie Francis Ford Coppola oder Peter Bogdanovich ersetzt, die sich an internationalen Filmemachern wie François Truffaut und Ingmar Bergman orientierten. Waren die Filme in den USA bis dahin massgeblich eine Produktion eines Filmstudios und auf einen Massengeschmack ausgerichtet, wurde der kreative Prozess nun vor allem von den Filmemachern selbst gesteuert und sie gingen auf filmästhetischer und inhaltlicher Ebene die grösseren Risiken ein. Quentin Tarantino beschrieb diesen Wandel in seinem Filmbuch CINEMA SPECULATION (2022) wie folgt: «Man konnte zu (so gut wie) jedem Thema einen Film machen, ohne bei der Wahl des Stoffs Kompromisse einzugehen. Mit dem Aufstieg der Gegenkultur der Sechziger, der Explosion einer Jugendkulturbewegung, der neuen Reife, die in der Populärmusik Einzug hielt, und der von Filmen wie BONNIE AND CLYDE, THE GRADUATE und vor allem dem überraschenden Erfolg von Dennis Hoppers EASY RIDER geschürten Aufregung kündigte sich ein neues Hollywood an. Ein an Erwachsenen ausgerichtetes Hollywood. Ein Hollywood im Geiste der Sechzigerjahre und mit einer gegen das Establishment gerichteten Agenda.»
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Grundsätzlich ist der Film auf die Tate-Morde ausgerichtet, doch lange Zeit ist davon wenig zu spüren. Der Film wurde in zwei Abschnitte unterteilt. Der erste Abschnitt dauert ungefähr zwei Stunden und gibt uns einen tiefen Einblick in Hollywoods Filmindustrie des Jahres 1969. Lange Zeit halten sich die Protagonisten nur auf Nebenschauplätzen auf, die für die Mord-Geschichte irrelevant sind. Im zweiten Abschnitt steht der Tate-Mord im Mittelpunkt. Wird die Narration im ersten Abschnitt zerdehnt und stark in die Breite gezogen, gewinnt der zweite Abschnitt an Zielstrebigkeit und Spannung.
Tarantino lässt sich nun massenhaft Zeit und nimmt sich viel Raum, um das Los Angeles des Jahres 1969 auf eine würdevolle und schöne Art auferstehen zu lassen. Dabei zaubert er die Stimmung des Ortes und dieser Ära ausgezeichnet auf die Leinwand. Letztlich ist der Film nichts anderes als eine Hommage an seine Heimatstadt und an das damalige Hollywood. Dort werden wir in diesem Film lange verweilen und am Alltag der drei Protagonisten teilnehmen. Die Handlung kann am Beispiel von Sharon Tate folgendermassen aussehen: Sharon tanzt in ihrer Villa zu einem Pop-Rock-Songs, zeigt sich lebenslustig ausgelassen an der Playboy-Party, Auto fahrend mit ihrem Ehemann Roman Polanski und geht allein ins Kino, um sich auf der Leinwand mit ihr in der Hauptrolle zu sehen. Damit kommt man zwar dem Charakter einer Figur Person nicht wirklich näher, dennoch bekommen wir einen guten Eindruck von einer Figur und ihrer Lebenswelt. Dieses Konzept ist für Tarantino keineswegs neu und wurde bereits in JACKIE BROWN und DEATH PROOF angewendet. Hierbei geht es darum, dass die Betrachterinnen Zeit mit den Figuren verbringen, und einfach ein bisschen mit ihnen herumhängen. Die Gefahr ist, dass diese etwas fragmentarische Erzählweise komplett langweilig sein kann und es gibt zahlreiche Filmkritiker, die sich daran auch stören, ich fand dieses Hineinfallen-Lassen jedoch höchst anregend. Glücklicherweise inszeniert hier Tarantino mit einer grösseren Leichtigkeit als in den genannten Filmen. Es breitet sich tatsächlich eine entspannte Stimmung aus. Tarantino wählte eine erstaunlich ruhige Erzählweise und wirkt darin ausserordentlich reif und souverän. Erst gegen Ende kippt der Film ins Überdrehte. Jetzt wird es auch blutig, doch bis dahin hielt sich Tarantino zurück und auch die Figuren wirken wieder ernster als noch in den letzten Filmen. Dass dieses Konzept so gut funktioniert, liegt wohl am lockeren Erzählton, den unterhaltsamen Einzelszenen und der detailreichen Darstellung des damaligen Hollywoods.
Letztlich ist der Film nichts anderes als eine Hommage an seine Heimatstadt und an das damalige Hollywood
Rick Dalton und auch sein Stuntdouble Cliff Booth hängen vergangenen Zeiten nach und sie tun sich schwer mit der neuen Realität der Hippies und des New Hollywoods. Dieser Wandel droht sie an den Rand und ins Aus zu drängen. Sie verkörpern eine Retro-Gesellschaft, die aber ins Wanken geraten ist. Weiterhin sehen sie sich im alten Western zuhause, den will aber niemand mehr sehen. Wenn eine glorreiche Ära zu Ende geht und neue beginnt, werden immer auch Verlierer und Sieger ausgespuckt. Dalton gehört als TV-Star definitiv zu den Verlierern. Seinen Sinkflug wollte er jedoch nicht wahrhaben, er kämpft mit Zynismus dagegen an und versucht sich mit Alkohol zu trösten. Dalton kämpft also auch gegen das Vergessen gehen. In ihm wächst die Sehnsucht nach ruhmreichen Zeiten, doch dafür braucht er Kontakte zu den richtigen Leuten. Zu den richtigen Leuten zählen seine Nachbarn, Roman Polanski und Sharon Tate, denen er immer wieder bewundernd hinterherschaut. Tate und Polanski stehen also stellvertretend für die neue Realität, denn kein anderer junger Regisseur war zu dieser Zeit erfolgreicher und populärer als Roman Polanski. Im Jahr 1969 war er ein Rockstar!
Tarantinos nostalgischer Erinnerungsfilm
Mit Sicherheit hätte auch Tarantino gerne zu dieser aufstrebenden Ära Hollywoods gehört. Im Jahr 1969 war er jedoch noch ein sechsjähriger Junge, der mit seiner Mutter in East Los Angeles wohnte und von Filmen träumte. In einem Interview erzählte er, dass ihn dieses Jahr geformt hätte. Das sei seine Welt und der Film sei sein Liebesbrief an Los Angeles. Der Regisseur hatte den Vorteil, dass er diese Zeit an diesem Ort selbst miterlebte und seine Erinnerungen wirken sehr stark auf dieses Werk aus. Es sind Kindheitserinnerungen, die ihn prägten, wie zum Beispiel die Erinnerung an die Autofahrten mit seiner Mutter und seinem Stiefvater durch L.A. Die ganze Zeit sei das Radio gelaufen und die Werbespots liefen in voller Lautstärke über den Äther. Bei Tarantino vermischen sich aber immer viele Dinge miteinander und natürlich sind da immer auch Erinnerungen an das Fernsehen, an die Musik, an das Kino. Tarantino präsentierte in ONCE UPON A TIME ...HOLLYWOOD eine sehr persönliche Sicht des damaligen Hollywoods und es wird ersichtlich, dass es für ihn ein magischer Ort (gewesen) sein musste. Mit dem Film lässt er das damalige Hollywood auferstehen und irgendwie glaubt man den kleinen Jungen zu sehen, der mit grossen Augen auf diesen magischen Ort blickt, der eine so grosse Ausstrahlung besitzt. In zahlreichen Interviews bezeichnete Tarantino den Film auch als seinen Erinnerungsfilm.
Der Einblick in die Filmbranche Ende der 1960er-Jahre erscheint sehr realistisch. Offensichtlich steckt sehr viel Liebe im Detail. Zu den grossen Stärken des Films gehört sicherlich, dass er diese Zeit und das damalige Hollywood so detailliert darstellt. Die detailverliebte Ausstattung mit den Neonzeichen, Werbeplakaten, alten Kinos, den Oldtimer-Fahrzeugen, den Commercials aus dem Autoradio und der Musik aus dieser Epoche tragen viel zum Reiz dieses Filmes bei. Tarantino erbaut das alte Hollywood, von dem er als Kind träumte und blickt wehmütig und nostalgisch darauf zurück und es ist ein Vergnügen in dieses alte Hollywood einzutauchen.
Viel wird sehr realistisch abgebildet, dennoch erlaubt sich Tarantino ein Ausflug ins Fiktive und Erfundene. Bereits der Filmtitel suggeriert eine märchenhafte Geschichte, jedoch bleibt lange offen, was daran so märchenhaft fiktiv sein soll. Filme haben die Fähigkeit, Träume zu erschaffen und es dort sind Dinge möglich, die in der Realität nicht möglich sind. Tarantino hielt sich zumeist detailgetreu an die Realität. Nur bei wenigen Punkten flunkerte er. Steve McQueen oder Bruce Lee sind zu sehen – wahre Leinwandgötter. Rick Dalton ist dagegen eine erfundene Figur. Wie auch seine TV-Serie BOUNTY LAW. Einmal mehr rückt Tarantino die Fiktion die Realität zurecht. In der Schlussphase gelingt Tarantino tatsächlich ein überraschender und ebenso gerissener Clou. Es gibt zwar eine Rache, jedoch nicht für die Filmhandlung, sondern für die Realität. Die monströse Tat der Manson Bande soll hier eine gerechte Strafe erfahren. Die Rache kommt aber nur in der Fiktion zustande, damit soll so etwas wie Gerechtigkeit entstehen. Was in der unbarmherzigen Realität nie möglich war, ist in diesem Film möglich, deshalb trägt der Film auch diesen verwunschenen Titel ONCE UPON A TIME. Wie schön wäre es gewesen, scheint Tarantino sagen zu wollen, wenn die Mansons Bande richtig spektakulär gerächt worden wäre für ihre brutalen Verbrechen an Sharon Tate.
Der Film ist eine liebevolle Hommage ans Hollywoodkino. Das kalifornische Lebensgefühl Ende der 1960er-Jahre hat er glänzend eingefangen. ONCE UPON A TIME IN ... HOLLYWOOD ist ein lustvoller und inspirierter Film, der zwar seine Längen hat, den ich aber dennoch gerne angeschaut habe. Besonders der reife Erzählton, die frischen Dialoge und die Überraschung am Ende sind als positiv hervorzuheben. Was mir an diesem Film besonders gut gefällt, kann mit einem Wort ausgedrückt werden: Die Stimmung! Der Regisseur inszenierte mit einer bestechenden Leichtigkeit. Es macht sich eine wohltuende Entspannung breit. Das Ergebnis ist ein Stimmungsfilm, der mehr Wert auf die Stimmung legt als auf alles sonst. Figuren und Geschichte werden dabei zweitrangig. Dafür stimmt das Setting, auf welches ich mich allzu gerne einlasse. Ob einem das gefällt, ist natürlich immer Geschmacksache.