Deliverance

Deliverand - Beim Sterben ist jeder der erste

© Warner Bros.

Deliverance
USA 1972 | 109 Minuten
Thriller, Abenteuerfilm, Drama
IMDb: 7.7 | Meine Bewertung 4.0 von 5.0

Regie: John Boorman; Drehbuch: James Dickey; Kamera: Vilmos Zsigmond; Schnitt: Tom Priestly; Cast: Jon Voight (Ed Gentry), Burt Reynolds (Lewis Medlock), Ned Beatty (Drew Ballinger), Mountain Man (Bill McKinney), Herbert “Cowboy” Coward (Toothless Man), James Dickey (Sheriff Bullard).


© Warner Bros. | Movie Poster


 

Mit DELIVERANCE schuf John Boorman einen der kontroversesten amerikanischen Filme der 1970er-Jahre. Der Survival-Thriller löste mit seiner schockierenden Vergewaltigungsszene einen Skandal aus. Im Verlauf entwickelt sich der Film zu einer moralischen Auseinandersetzung darüber, wie unterschiedlich vier Männer auf Gewalt, Schuld, Angst und Selbstjustiz reagieren.


John Bormanns bedeutendster Film

Der grosse britische Filmregisseur John Boorman wagte in den 1960er-Jahren den Schritt nach Hollywood und etablierte sich dort mit drei bemerkenswerten Filmen. Neben dem stilprägenden Neo-Noir-Klassiker POINT BLANK (1967) und dem intensiven Kriegsdrama HELL IN THE PACIFIC (1968) sticht vor allem der überaus erfolgreiche DELIVERANCE (1972) aus seinem filmischen Gesamtwerk hervor. Dieses Werk gilt als sein Meisterwerk und war sowohl kommerziell als auch künstlerisch ein Erfolg. Mit drei Oscar- und fünf Golden-Globe-Nominierungen festigte der Film Boormans Ruf als herausragender Filmemacher. Zudem verhalf er Jon Voight und Burt Reynolds zu einem gehörigen Karriereschub. Allerdings ist der kontroverse Film als Skandalfilm in die Filmgeschichte eingegangen und löste seinerzeit heftige Debatten über die schockierende Vergewaltigungsszene aus, in der ein Mann einen anderen Mann sexuell missbraucht. Eine solche Szene war in den 1970ern eine Seltenheit auf der Leinwand und konfrontierte das Publikum mit einer Form der Gewalt, die die Konventionen des Kinos sprengte.

Eigentlich klingt ihr Plan verlockend: Die vier Freunde Ed, Lewis, Bobby und Drew wollen ein Wochenende fernab der Zivilisation verbringen, um in der Natur abzuschalten und die Strapazen des Alltags hinter sich zu lassen. Sie stellen sich vor, mit dem Kanu entspannt den Fluss hinabzugleiten, die gefährlichen Stromschnellen zu meistern, Fische zu fangen, die sie dann am Lagerfeuer grillen, und einfach die Gesellschaft der anderen zu geniessen. Ihr Ziel ist der wilde Cahulawassee-Fluss in den Appalachen, der bald durch den Bau eines Staudamms geflutet werden soll. Doch die romantische Vorstellung, die sie von diesem Abenteuer haben, weicht schnell einer rauen Realität. Das Wochenende entwickelt sich zu einem wahren Albtraum ergänzt mit einem weiteren Abenteuer, auf das sie lieber verzichtet hätten.

Die vier Städter spüren schnell die Feindseligkeit der örtlichen Bevölkerung. Bereits bei ihrer Ankunft beschleicht sich ein mulmiges Gefühl, da die wortkargen und seltsamen Rednecks ablehnend auftreten. Nur Drew macht beim ersten Aufeinandertreffen mit einem behinderten Jungen eine positive Erfahrung. Gemeinsam treten sie zu einem musikalischen Duell an – Drew an der Gitarre und der Junge am Banjo. Die berühmte Musikszene DUELING BANJOS ist eine geschichtsträchtige Szene, die wunderbar und stimmungsreich inszeniert wurde und eine Annäherung auf musikalische Weise ermöglicht.Trotz der spürbaren Spannungen und Ablehnung setzen die vier Stadtmänner ihren Plan um und fahren mit den Kanus den Fluss hinunter. Doch die Angst von einem möglichen Angriff der misstrauischen Einheimischen sitzt ihnen im Nacken und scheint jederzeit möglich. Am zweiten Tag werden Bobby und Ed von zwei niederträchtigen Rednecks überfallen. Ed wird an einen Baum gefesselt, während Bobby vor seinen Augen von einem der Rednecks vergewaltigt wird. Bevor auch Ed das gleiche Schicksal ereilt, kann Lewis eingreifen und tötet den Täter mit einem Pfeil aus seinem Bogen. Daraufhin entsteht in der Gruppe eine Meinungsverschiedenheit, da Drew darauf besteht, den Vorfall den örtlichen Behörden zu melden, während die anderen, allen voran Lewis, strikt dagegen sind.

Die Landbevölkerung trifft auf Städter

Im Film gibt es nur wenige Berührungspunkte zwischen den Einheimischen und den Fremden, doch bereits die erste Begegnung definiert ihr Verhältnis zueinander, denn in der Eröffnungsszene kommt es zum kulturellen Clash. Bobby empfindet die spannungsreiche Situation als unerträglich bedrohlich und würde lieber zurück in die Stadt gehen, damit ist Lewis aber nicht einverstanden. Doch dann schafft die Musik eine unerwartete Verbindung: Drew und ein behinderter Junge spielen zusammen das beschwingte Bluegrass-Stück DUELING BANJOS. Während dem Stück hellt sich die Stimmung auf, die Städter lächeln, und ein Einheimischer beginnt sogar zu tanzen. Doch als Drew dem Jungen die Hand reichen will, lehnt dieser den Handschlag ab, und die Distanz zwischen den Gruppen bleibt bestehen.

Die Städter zeigen gewisse Berührungsängste gegenüber den merkwürdigen Einheimischen. Ihre Welt wird als eigenartig und potenziell gefährlich wahrgenommen. Aufgrund ihrer körperlichen und geistigen Missbildungen deutet der Film sogar auf Inzest hin. Sie trauen den Rednecks nicht über den Weg, denn sie wirken verschroben und unfreundlich und ihre abweisende Reaktion auf die Besucher verstärkt das Misstrauen. Der Film zeichnet ein negatives Bild der Rednecks – sie erscheinen rückständig und bizarr. Doch auch die Städter zeigen wenig Tugend, denn sie sind voreingenommen und herablassend. Sie machen sich über die Einheimischen lustig und nehmen sie nicht ernst. Ihre Vorurteile scheinen sich zu bestätigen, als zwei unberechenbare und gefährliche Rednecks Bobby und Ed über den Weg laufen, und sie quälen, vergewaltigen und erniedrigen. Besonders Mountain Man wirkt wie eine Figur aus einem Horrorfilm, die ihrem Sadismus freien Lauf lässt. Ihre Vorverurteilung greift aber letztlich zu kurz, weil sie ein paar Rednecks ihre Autos anvertraut haben, die sie hätten ans Zielort bringen sollen. Und wer es glaubt.... zuverlässig werden die Autos am Zielort abgeliefert. Das ist ein schöner, kleiner Seitenhieb an die selbstgerechten Städter.

Deliverance, Beim Sterben ist jeder der erste

© Warner Bros.

Wie geht die Gruppe mit dem brutalen Vorfall um?

Frauen existieren in diesem Film nicht. Es ist ein Film von Männern in einer Mänenrwelt. Die Figuren sind stark gezeichnet, und die Dynamik innerhalb der Männerclique ist interessant zu beobachten. Die Clique besteht aus vier unterschiedlichen Männern: Ed Gentry ist ein ruhiger und harmoniebedürftiger Mann, der erst im Verlauf der Handlung zur zentralen Figur aufsteigt. Drew Ballinger ist ein freundlicher und sensibler Charakter, der sich nach dem Vorfall als einziger gegen Lewis stellt, weil er den rechtschaffenen Weg bevorzugt. Bobby Trippe, ein korpulenter Mann, der so gar nicht in die Wildnis passt, arbeitet im Alltag als Geschäftsmann. Von Lewis wird er als «Dickerchen» verhöhnt. Er ist ein humorvoller Kerl, wird aber oft zum Ziel von Spott und Misshandlungen, weshalb es kaum überrascht, dass er derjenige ist, der von den Hinterwäldlern gedemütigt und missbraucht wird. Und dann gibt es noch Lewis Medlock, das Gegenbild von Bobby. Während Bobby von den Rednecks eingeschüchtert wird, bleibt Lewis unbeeindruckt von den Drohgebärden der Einheimischen. Sein Selbstbewusstsein ist in jeder seiner Gesten spürbar. Gutaussehend, viril und cool, scheint er in dieser archaischen Umgebung aufzublühen. Lewis findet im Leben in der Wildnis seine Erfüllung und sein Glück, deshalb führt er die Gruppe auch als Alphatier an.

Burt Reynolds verlieh Lewis eine beeindruckende Präsenz, die ihn klar zum Star des Films macht. Seine Ausstrahlung und sein Erscheinungsbild sind aufregend, und mit dieser Rolle gelang Reynolds der endgültige Durchbruch. Im Originalroman DELIVERANCE von James Dickey ist Ed die Hauptfigur, doch Reynolds' Präsenz rückt ihn fast vollständig in seinen Schatten. Es ist sein Film und der Film ist so lange interessant, bis Lewis aufgrund einer schweren Verletzung aus der Handlung ausscheidet. Dieses Ausscheiden wird von Quentin Tarantino treffend als „kinematografischer Selbstmord“ bezeichnet.

Die Schlüsselszene ist auf jeden Fall die Vergewaltigungsszene. Der Umgang mit diesem Vorfall geschieht auf eine individuelle Weise, auch weil die Männer unterschiedlich direkt betroffen sind. Die Aufarbeitung des Vorfalls lässt schliesslich tief in ihre Persönlichkeit blicken. Bobby erlitt die grösste Qual. Er musste die Demütigung am eigenen Leib miterleben. Der Täter trieb den nackten Bobby vor sich her, er musste quieken, wie ein Schwein («Squeal Like A Pig») und dann vergewaltigte er den völlig unterlegenen Bobby. Die Demütigung muss tief sitzen. Aus dem einst lustigen Kumpeltyp ist ein hasserfüllter Mann geworden. Er will persönliche Rache, aber nichts mit der Polizei zu tun haben. Auch Lewis möchte nichts mit der Polizei zu tun haben. Mit seinem Jagdbogen konnte er den einen Täter ausschalten. Tot liegt er vor den Männern. Wir wissen genau, wie es sich abgespielt hat. Doch würde das auch die Polizei so sehen? Lewis traut der Polizei grundsätzlich nicht, sein Misstrauen in die hiesige Polizei scheint sogar begründet zu sein. Die stecken alle unter einer Decke – wieder lässt der Inzest grüssen. Lewis hat Angst, dass er plötzlich wegen Mordes in den Knast muss, deshalb bearbeitet er seine Jungs und lässt abstimmen, ob sie den Vorfall wirklich der Polizei melden wollen. Zwischen Lewis und Drew kommt es in der Folge zu einem lauten Disput. Drew scheint unter Schock zu stehen. Emotional scheint ihm die Sache sehr nahezugehen. Die Emotionen haben ihn übermannt, und es ist schwer vorstellbar, dass er sich jemals zuvor gegen Lewis aufgelehnt hatte. Er ist der am wenigsten Betroffene, somit hätte er auch von der Justiz am wenigsten zu befürchten. Bei der Abstimmung wird er zu seinem Leidwesen überstimmt. Später ereignet sich nochmals ein Vorfall. Während der Kanufahrt durch die Stromschnellen fällt, stürzt oder springt Drew aus dem Kanu. So ganz klar ist das nicht. Lewis ist sich sicher, dass er einen Schuss gehört hat. Allerdings scheint er das bloss zu behaupten, weil er nicht die Schuld auf sich nehmen will, falls Drew suizidal aus dem Kanu gesprungen ist. Wenig später entdecken sie flussabwärts seine Leiche. Es könnte also sein, dass Drew die Sache so nah gegangen ist, dass er sich für einen suizidalen Ausweg entschied. Übrigens ging es im Disput zwischen Lewis und Drew auch um Werte, Lebensansichten und Moral.


Die Figuren sind stark gezeichnet, und die Dynamik innerhalb der Männerclique ist interessant zu beobachten.


Standen die Männer bis dahin auf der gleichen Stufe, wird es nun zu Eds Geschichte. Er hat als einziger die Vergewaltigung mit ansehen müssen. Er war an den Baum gebunden und konnte seinen Freund nicht unterstützen. Nachdem sie Bobby fertig gemacht haben, wollten die Rednecks auch ihn missbrauchen, doch Lewis rettete ihn. Die Diskussion in der Clique verfolgt er ziemlich teilnahmslos. Steht er unter Schock? Bei der Abstimmung schlägt er sich auf Lewis’ Seite, obwohl auch er ein gesetzestreuer Mensch ist. Warum er sich auf Lewis’ Seite schlägt, weiss man nicht. Womöglich aus Harmoniesucht. Auf dem weiteren Weg flussabwärts hat er eine weitere Begegnung mit einem Redneck. Nach einer Nacht auf einem Felsvorsprung trifft er auf den zweiten Täter. Bevor ihm etwas angetan werden kann, kann Ed seinen Gegenspieler erschiessen. Am Ende kommt Ed mit den leichtesten Einschnitten davon. In der Schlussszene hat er einen Albtraum vom Stausee. Seelisch scheint auch er Wunden zu haben, und ihre Tat hat auch ihn nicht losgelassen. Das schlechte Gewissen meldet sich in der Nacht bei ihm.

Der Survival-Thriller ist bekannt für seine Vergewaltigungsszene, jedoch ist er keineswegs so brutal wie andere Filme. Dieser Vorfall teilt den Film und den Ausflug in ein Vorher und Nachher ein. Dadurch entstehen drei unterschiedliche Phasen im Film, die jeweils auf eigene Weise auf die Zuschauer wirken und sich in verschiedenen Genres manifestieren. Sorgfältig baut der Film ein spannendes Szenario zwischen den Männern innerhalb der Clique und mit der äusseren Bedrohung durch die Rednecks auf. Schliesslich kommt es mit der Vergewaltigung in der 37. Minute zum grossen Knall. In einer unglaublich interessanten Szene diskutieren die Männer anschliessend über das weitere Vorgehen. Es ist meines Erachtens die interessanteste Szene des Films. Im dritten Abschnitt lebt der Film von seinen Actionszenen; leider ist der Film aus psychologischer Sicht nicht mehr so interessant, zumal die gegensätzlichste Figur aus dem Spiel genommen wird. Doch der Film kann sich handwerklich sehen lassen. Klug werden die Bildausschnitte und die Distanz zu den Protagonisten (Kamera) gewählt. In den Actionszenen profitiert der Film darüber hinaus vom geschickten Schnitt von Tom Priestley. Der letzte Abschnitt ist actionreich und dramatisch, weil alle Beteiligten an die Grenzen kommen und der Überlebenskampf begonnen hat.

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