The Wild Bunch
© Warner Bros. – Seven Arts
The Wild Bunch
USA 1969 | 145 Minuten
Western, Actionfilm, Drama
IMDb: 7.9 | Meine Bewertung 3.5 von 5.0
Regie: Sam Peckinpah; Drehbuch: Sam Peckinpah, Walon Green; Musik: Jerry Fielding; Kamera: Lucien Ballard; Schnitt: Louis Lombardo; Cast: William Holden (Pike Bishop), Ernest Borgnine (Dutch Engstrom), Robert Ryan (Deke Thornton), Edmond O’Brien (Freddie Sykes) Warren Oates (Lyle Gorch).
© Warner Bros. - Seven Arts | Movie Poster
In der Rubrik „Close-Up intensiv“ vertiefe ich ein zentrales Thema oder einen spezifischen Aspekt eines Films und analysiere diesen im Detail.
In dieser Analyse steht die Gewaltdarstellung im Westernklassiker THE WILD BUNCH im Zentrum, die als wesentliches Gestaltungselement des Films verstanden wird. Peckinpahs Inszenierung gilt dabei als entscheidender Vorläufer des modernen Actionkinos und markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der filmischen Gewaltdarstellung.
Wie THE WILD BUNCH das Gewaltkino revolutionierte
Mit THE WILD BUNCH setzte Sam Peckinpah neue Massstäbe in der Darstellung von Gewalt im Kino. Der Film war 1969 eine Provokation, die Publikum und Kritiker spaltete. Obwohl wir es mit expliziter Gewalt zu tun bekommen, war die Reaktion des Publikums erstaunlich gemischt. Aus heutiger Sicht mag diese Sichtweise nicht mehr geteilt werden, denn die meisten Filmfans haben schon deutlich gewalttätigere Filme zu Gesicht bekommen, deshalb wird dieser Film heute anders wahrgenommen als noch bei seinem Erscheinen.
Von der ständigen Gewalt im Kino abgestumpft können viele Zuschauer über diese sogenannte «Brutale Gewaltdarstellung» in diesem Film nur müde lächeln. Wahrscheinlich fällt es einem schwer, die gegensätzlichen Emotionen und Meinungen der damaligen Zeit überhaupt nachzuvollziehen. Die Kinozuschauer hatten 1969 noch nicht viele Erfahrungen mit expliziter Gewalt im Kino machen können, deshalb wurden die beiden grossen Actionszenen zu Beginn und zum Ende des Films kontrovers aufgenommen und diskutiert. Für ein Publikum, das an die zensierten Werke des Hays Codes gewöhnt war und realistische Gegebenheiten nicht geboten bekam, wirkte THE WILD BUNCH wie ein radikaler Bruch. Nach über 40 Jahren puritanischer Zensur, die Filme nach bürgerlichen Moralvorstellungen formte, hatte Hollywood den Hays Code im Zuge gesellschaftlicher Umwälzungen wie der sexuellen Revolution abgeschafft. Peckinpah war einer der ersten, der diese neue Freiheit nutzte – und das in einer Art und Weise, die das Publikum tief erschütterte.
Zweifellos gilt Peckinpahs Werk als zentraler Vorläufer und zugleich als Höhepunkt des Actionfilms, da er die Elemente von Kampf, Gewalt und Spannung bis dahin in unerreichter Intensität vereinte. Filmhistoriker wie Thomas Brücker (in Gewalt und Action) betonen immer wieder die Bedeutung von THE WILD BUNCH als Meilenstein und Vorreiter, der das Actionkino nachhaltig prägte und gleichzeitig die Grenzen des Genres erweiterte.
Peckinpah verschenkte vorhandenes Potenzial
In der Kleinstadt Starbuck plant Deke Thornton (Robert Ryan) mit einer Gruppe Kopfgeldjäger, die Bande um den alternden Outlaw Pike Bishop (William Holden) während eines Überfalls auf ein Eisenbahnbüro zu schnappen. Der Versuch schlägt jedoch fehl, und die Banditen entkommen nach dem verpatzten Raub. Auf ihrer Flucht ziehen sie sich nach Mexiko zurück, wo sie in den Strudel der mexikanischen Revolution geraten. Dort sind sie gezwungen, mit dem grausamen General Mapache eine unheilvolle Allianz einzugehen. Gleichzeitig bleiben die Kopfgeldjäger den Flüchtigen dicht auf den Fersen und setzen alles daran, sie zur Strecke zu bringen.
Dieser Film wirkte wie ein radikaler Bruch und erschütterte sein Publikum.
Obwohl der Western häufig als Meisterwerk bezeichnet wird, empfand ich ihn als durchschnittlich und schwerfällig. Im Grunde sind es lediglich die zwei Kugelorgien, die eine zu Beginn und die andere am Ende des Films, die den Film in den Olymp des Westerngenres hievten. Es gibt einige interessante Ansätze, die im Film jedoch nicht weiterverarbeitet wurden. Enttäuschend ist, dass der Film eine so herausragende Ausgangslage mit den beiden verbrauchten Anti-Helden nicht weiterentwickelt. Früher waren Pike ein Mitspieler von Thornton, inzwischen sind sie aber Gegenspieler. Wie kam es nur so weit? In dieser Konstellation stecken so viel Drama und Spannung, leider wählt der Regisseur aber einen anderen Weg. Anscheinend gibt der restaurierte Director’s Cut dieser Konstellation mehr Relevanz und Gewicht. Auch die Mexiko-Episode empfand ich als wenig interessant. Plötzlich wird man in einen mexikanischen Bürgerkrieg hineingerissen und der Western verwandelt sich in einen Kriegsfilm, dem es aber an Reiz fehlt.
Konfrontation mit dem Thema Gewalt
Unweit des blutigen Massakers beschäftigt sich eine Gruppe Kinder mit einem grausamen Spiel, das sie selbst inszeniert haben. Sie sperren Skorpione in einen begrenzten Bereich und lassen diese gegen zahlreiche Ameisen ankämpfen. Der Ausgang ist vorgezeichnet. Die zahlenmässig überlegenen Ameisen überwältigen die Skorpione. Am Ende bedecken die Kinder die kämpfenden Tiere mit Stroh und zünden es an, so dass die Tiere bei lebendigem Leib verbrennen. Dabei lachen und grinsen sie, ihre Faszination für das Leiden der Tiere ist unverkennbar. Offensichtlich erleben sie eine verstörende Freude an der Gewalt und dem Quälen.
Es ist ungewöhnlich, dass Kinder als Täter auftreten. Während Kinder im Film meist als unschuldig oder als Opfer dargestellt werden, übernehmen sie hier aktiv die Rolle des Gewaltverursacher. Es könnte leicht als kindliche Spielerei abgetan werden, doch der inszenierte Tierkampf und die bewusste Grausamkeit vermitteln eine tiefere Botschaft. Die Handlung wird als Allegorie auf die beiden grossen Gewaltszenen des Films interpretiert. Während die Kinder mit wachsender Begeisterung das brutale Schauspiel beobachten, ereignet sich in unmittelbarer Nähe ein ähnlich sinnloses und blutiges Massaker. Beide Ereignisse scheinen miteinander zu korrespondieren und verstärken sich gegenseitig.
Die Szene wirkt wie ein Spiegel, der den Zuschauern vorgehalten wird. Sie ist eine Metapher und zwingt uns, über unsere eigene Faszination für filmische Gewalt nachzudenken. Wie die Kinder sind auch wir Zuschauer gebannt von der hier vorgeführten grausamen Ästhetik der Gewalt. Die Inszenierung fordert uns heraus: Warum empfinden wir eine seltsame Lust an diesen Bildern? Ist die Faszination für Gewalt eine unvermeidbare Eigenschaft des Menschen? Dieser Diskurs erinnert an die provokative Konfrontation in Michael Hanekes FUNNY GAMES (1997), das ebenfalls die voyeuristische Neigung des Publikums hinterfragt. Trotz dieser tiefgründigen Ansätze geht die Reflexion im Film aber nicht tiefer auf diese Thematik ein und erreicht nie die Komplexität von Hanekes Werk. Die Szenen in THE WILD BUNCH sind abstossend und faszinieren zugleich, zumal die Gewalt so unverschämt attraktiv ins Bild gesetzt wird. Der Fokus liegt letztlich auf der visuellen Wucht und der Ästhetik der Gewalt. Die metaphorische Ebene dient als zusätzlicher Aspekt, ohne intellektuell weiter vertieft zu werden. Letztlich dominieren die Schauwerte und die bewusst provokative Inszenierung bzw. Effekthascherei.
Peckinpah inszeniert den Todesschuss
THE WILD BUNCH zieht die Zuschauer in einen widersprüchlichen Bann: Einerseits stösst die dargestellte Gewalt ab, andererseits übt sie eine seltsame Faszination aus. Die Schiessereien bilden das filmische Herzstück und erklären die herausragende Stellung des Films. Während Sergio Leone seine Szenen überzeichnet und opernhaft inszenierte, verdichtet Sam Peckinpah das Geschehen maximal, schafft dabei hochstilisierte und dennoch realistische Bilder. Die Gewalt wird gleichermassen zelebriert und als selbstzweckhaft empfunden.
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Der innovative Einsatz von Zeitlupe und dynamischen Schnitten prägt die Wirkung des Films. Während typische Filme dieser Ära etwa 600 Schnitte aufwiesen, setzt Cutter Lou Lombardo in THE WILD BUNCH auf überragende 3642 Schnitte. Damit gelingt es Lombardo das Zeitgefühl der Zuschauer zu beeinflussen. Während die Zeitlupentechnik den Moment verlängert und verlangsamt, und das Gezeigte unmittelbar und deutlich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt, macht er mit den schnellen Schnitten gerade das Gegenteil. Der Rhythmus wird hochgefahren, dabei steht Chaos und Orientierungslosigkeit im Vordergrund. Diese Inszenierung schafft eine überwältigende Atmosphäre, die auch heute noch eine unglaubliche Faszination auslöst. Mit der Zeitlupentechnik gelang Peckinpah eine stilistische Verlängerung des Todesmoments und damit legt er den ästhetischen Fokus auf die letzten Augenblicke der Figuren. Szenen, in denen Projektile in Zeitlupe im Körper einschlagen, betonen eine dramatische Ästhetik, die an Akira Kurosawas Kino erinnert. Das Blut spritzt jeweils effektvoll hervor und in Zeitlupenaufnahmen stürzen (oder schweben) die Männer ästhetisch vom Hausdach herunter. Die Darstellung des Todes erfuhr dadurch eine besondere Intensität und der Todesakt der sterbenden Männer machte diese Szenen zu einem zentralen Motiv.
Der Film funktioniert am besten als Actionfilm
THE WILD BUNCH ist dann am besten, wenn die Bilder brennen und die Action rasant und innovativ inszeniert wird. Zwei Szenen stehen im Mittelpunkt, auf die ich hier noch etwas näher eingehen möchte: Der Überfall zu Beginn und der finale Showdown, die das Herzstück des Films bilden.
Die Anfangsszene
Der filmische Höhepunkt ereignet sich am Anfang des Filmes. Die Auftaktszene zeigt einen Überfall auf ein Eisenbahnbüro, bei dem die Hauptfiguren in eine tödliche Falle geraten. Sam Peckinpah erzählt diese Sequenz in mehreren parallellaufenden Handlungssträngen, die geschickt ineinander verwoben sind: Die Outlaws, die jagenden Kopfgeldjäger, eine religiöse Prozession und spielende Kinder. Durch den Einsatz von Grossaufnahmen, rhythmischer Montage und spannungsreicher Musik wird die Handlung zugespitzt, gewinnt sukzessive an Intensität und schliesslich lässt Peckinpah alles in einer kumulierten Szene eskalieren. Der erste Schuss fällt nach 10:06 Minuten. Der Moment, in dem der erste Schuss fällt, führt zu einer explosionsartigen Entladung. Männer stürzen vom Dach, Pferde kippen um, die Gegenspieler Pike und Thornton begegnen sich kurz, Schüsse knallen bedrohlich und gefährlich, und die Kamera fängt in hochstilisierten Bildern die brutale Gewalt und den Tod ein. Blutüberströmte Leichen, sterbende Tiere und verstörte Zivilisten verstärken die Intensität. Diese spannende und zugleich intensive Actionszene ist eine ästhetische Meisterleistung aus beeindruckenden Bildern und eine gewisse Ästhetik kann darin entdeckt werden.
Das Finale
Das Finale ist ungleich brutaler und hässlicher. Im Gegensatz zur ersten Szene befinden wir uns am Ende. Am Ende des Filmes und am Ende ihres gemeinsamen Weges. Die verbliebenen Männer der Verbrecherband sind gezeichnet und desillusioniert. Die Bande fällt in seine Einzelteile auseinander und schon aufgrund ihres Alters scheint ihre «Rente» vorprogrammiert. Die Verbrecher haben nichts mehr zu verlieren, deshalb scheuen sie keine Risiken.
Die Verbrecher wollen ihren gefangenen Kameraden Angel aus der Gewalt des sadistischen Generals Mapache befreien. Der endlose Marsch der vier Männer führt sie zum Dorfplatz, wo sie den schwerverletzten Kameraden zurückfordern. Bevor der General den schwerverletzten Angel herausrückt, schneidet er ihm vor den Augen der geschockten Bande seine Kehle durch. Solche Szenen kennt man aus Horrorfilmen, waren aber im amerikanischen Film rar. Daraufhin erschiesst Pike den General, obwohl ihm bewusst ist, dass sie den zahlenmässig weit überlegenen Mexikanern unterlegen sind, doch sie haben nichts mehr zu verlieren. Es folgt eine brutale Schiesserei, die um das Vielfache brutaler, blutiger und dreckiger als die anfängliche Schiessorgie ist.
Die folgende Schiesserei ist ein äusserst blutiges und intensives Massaker: Explosionen, unkontrolliertes Maschinengewehrfeuer, umherfliegende Körper, und ein alles verschlingendes Chaos. Es ist eine unkontrollierte Szene, bei der ein Anhaltspunkt fehlt, weil die Kamera immer wieder den Blickwickel wechselt, was die Orientierungslosigkeit verstärkt. Die Gewalt ist ungefiltert und gnadenlos. S,owohl die Verbrecher als auch die Rebellen gehen skrupellos vor. Besonders erschreckend ist die Nutzung einer unschuldigen Frau als Schutzschild durch einen der Verbrecher. Eine Prostituierte schiesst von hinten auf Pike. Sowohl Pike wie auch sein Buddy Dutch werden Opfer des Kugelhagels und sterben. Am Ende hinterlässt der Film ein Bild der Zerstörung: Ein Schlachtfeld voller Leichen.