All Of Us Strangers
© Searchlight Pictures
All Of Us Strangers
USA, GB 2023 | 105 Minuten
Drama, Liebesfilm
IMDb: 7.6 | Meine Bewertung 5.0 von 5.0
Regie und Drehbuch: Andrew Haigh; Musik: Emilie Levienaise-Farrouch; Kamera: Jamie D. Ramsay; Schnitt: Jonathan Alberts; Cast: Andrew Scott (Adam), Paul Mescal (Harry), Jamie Bell (Adams Vater), Claire Foy (Adams Vater), Carter John Grout (Junger Adam).
© Searchlight Pictures | Movie Poster
Zwei Männer lernen sich in einem anonymen Londoner Hochhaus kennen und verlieben sich, doch ihre Beziehung wird durch Ängste und ein unverarbeitetes Kindheitstrauma der Hauptfigur überschattet. Der meisterhaft inszenierte Liebesfilm verknüpft Themen wie Homosexualität, Trauer, Einsamkeit, Liebe, Verlust und Ausgrenzung auf berührende Weise miteinander. In seiner verfremdeten, traumartigen Atmosphäre erschaffen warme Farben und nostalgische 1980er-Jahre-Referenzen eine intime Welt voller Melancholie.
So sollen Filme sein!
Dieser berührende Liebesfilm hat mich emotional verdammt tief bewegt und zugleich beeindruckt, wie meisterhaft er Themen wie Trauer, Einsamkeit, Liebe, Homosexualität, Verlust und Ausgrenzung miteinander verknüpft. Wie es grossen Filmen eigen ist, wirkt alles ausgewogen und organisch inszeniert. Mit meiner Begeisterung bin ich jedoch nicht allein. Die internationale Presse bezeichnet ALL OF US STRANGERS als einen der bewegendsten und intensivsten Liebesfilme des zeitgenössischen Kinos, und bei den BAFTA wurde der Film sogar mit dem Hauptpreis ausgezeichnet.
ALL OF US STRANGERS ist ein kurzweiliger und tief menschlicher Film, dessen Figuren präzise und intim gezeichnet sind. Besonders hat er mich durch seine ästhetische Gestaltung angesprochen, da die Geschichte nicht nur über Dialoge erzählt wird, sondern auf formidable Weise die audiovisuelle Bildsprache nutzt. Der Film ist eine nostalgische Reise, die mich in die 1980er Jahre zurückversetzt und auf eine Zeitreise mitnimmt, die meiner eigenen musikalischen Sozialisation ähnelt. Der atmosphärische Film lebt von seiner verfremdeten, traumartigen Stimmung und seiner warmen Farbpalette. Die Bilder, in ein weiches Licht getaucht, sind von einer magischen Schönheit – Ästhetik pur, die mich unwillkürlich angezogen und eingeladen hat, mich auf den Film und seine Themen einzulassen.
Adam – und die Beziehung zu seinen Männern
Der depressive Drehbuchschreiber Adam (Andrew Scott) lebt allein in einem leerstehenden Hochhaus in London. Dort trifft er auf seinen einzigen Nachbar Harry (Paul Mescal), der ihn unverhohlen anbaggert. Zunächst weist Adam ihn zurück, doch in den folgenden Tagen bahnt sich zwischen den beiden eine innige Liebesbeziehung an, die jedoch durch Adams psychische Probleme stark belastet wird. Gleichzeitig arbeitet Adam an einem autobiografischen Drehbuch, das ihn in seine Kindheit zurückversetzt – ins Jahr 1987. Mit zwölf Jahren verlor er damals durch einen tragischen Verkehrsunfall seine Eltern, ein Schock, der bis heute nachwirkt. In seiner Fantasie imaginiert Adam Begegnungen mit seinen Eltern in ihrem alten Zuhause, spricht mit ihnen über die Vergangenheit und wagt sein Outing.
Adam ist ein ruhiger, nachdenklicher und introvertierter Mann Mitte 40, der einsam und depressiv ist. Er übt einen intellektuellen Job aus und verfasst Drehbücher. Beruflich wie privat hat er kaum soziale Kontakte und lebt nahezu isoliert. Trotz seiner Einsamkeit sehnt er sich nach einer intimen Liebesbeziehung zu einem Mann, etwas, das er bisher nie erfahren durfte. Allerdings fallen ihm soziale Kontakte schwer. Der frühe Verlust seiner Eltern, den er nie verarbeiten konnte, hat ihn offensichtlich mit Bindungs- und Verlustängsten zurückgelassen, die es ihm erschweren, eine nähere Beziehung einzugehen. Auch in der Schulzeit war Adam Ablehnung ausgesetzt. Er wurde gemobbt, vermutlich wegen seiner Sensibilität und seines genderuntypischen Verhaltens, das bei Gleichaltrigen auf brutale Weise bestraft wird. Er war ein leichtes Opfer.
Dieser märchenhafte Liebesfilm hebt die Grenzen zwischen Realität und Fantasie auf und feiert die Macht der Vorstellungskraft. Es hat etwas Skurriles, wenn Adam als erwachsene Person seinen gleichaltrigen Eltern begegnet und damit beginnt, ein unverarbeitetes Trauma aufzuarbeiten. Auch das Thema Homosexualität wird interessant und differenziert behandelt. Nun möchte ich mich den Männerbeziehungen von Adam widmen, die ich als hintergründig und reizvoll empfand.
Dieser märchenhafte Liebesfilm hebt die Grenzen zwischen Realität und Fantasie auf und feiert die Macht der Vorstellungskraft.
Womöglich war die Vater-Sohn-Beziehung in Adams Kindheit nie sehr eng, jedoch scheint sie in Adams Fantasie eine besondere Beziehungsentwicklung zu nehmen. Im Gegensatz zu seiner Mutter (Claire Foy) ist sein Vater (Jamie Bell) nicht überrascht von seinem Outing. Er hätte es immer vermutet, gibt er seinem Sohn zu verstehen. In einem tief ergreifenden Gespräch gesteht der Vater, dass er damals nie den weinenden und schwachen Sohn akzeptieren konnte und ihn deswegen nie in seinem Zimmer getröstet hat. In der heutigen Begegnung weint Adam erneut und nun folgt die längst notwendige Umarmung durch seinen Vater. Was für eine bewegende Szene!
Die Verbindung zwischen Vater und Sohn wird in Adams Fantasie von einer besonders schönen Zärtlichkeit geprägt. Immer wieder sucht sein Vater durch körperliche Berührungen und Gesten die Nähe zu seinem Sohn. Ich fragte mich, ob die Beziehung zwischen homosexuellen Männern und ihren Vätern eine besondere Bedeutung haben könnte. In der Abschiedsszene lobt ihn sein Vater, dass er ihn attraktiv fände und spricht von seinem Stolz auf ihn – jedoch bleibt unklar, worauf genau sich dieser Stolz bezieht. Könnte er damit Adams Bekenntnis zur Homosexualität bzw. seine Lebensweise gemeint haben? In derselben Szene zeigt Adam seinerseits seine Gefühle, indem er sich emotional an seinen Vater wendet und ihm erneut seine Liebe beteuert. Seine Mutter hingegen nimmt in dieser Szene eine eher untergeordnete Rolle ein und zeigt weniger häufig körperliche Nähe.
Adams Vater ist ein attraktiver und sensibler Mann, der gerne Weihnachtsbäume schmückt und ebenso ruhig und wohl auch introvertiert ist wie Adam. Interessanterweise weist sein Vater gewisse Ähnlichkeiten mit Harry auf. In einer Szene entsteht sogar der Eindruck, es handle sich um dieselbe Person. Der erwachsene Adam liegt im Bett zwischen seinen Eltern, wendet sich von seiner Mutter ab und sucht die Nähe seines Vaters, nur um stattdessen Harry zu finden, der ihn leidenschaftlich küsst. Betrachtet man Harry und Adams Vater genauer, fallen zahlreiche Gemeinsamkeiten auf. Beides sind Fantasiefiguren, die in Adams Vorstellungen entsprungen sind. Sie existierten einst in der Realität, doch in Adams Gedankenwelt leben sie weiter und werden dort zu idealisierten und grossartigen Bezugspersonen, die Adam im echten Leben nie hatte. Ihre frühen Tode hinterliessen bei Adam tiefe Wunden, die für Adam schwer zu verkraften waren. Harry und Adams Vater begegnen Adam jeweils in einem ähnlichen Alter – etwa 28 Jahre – und teilen auch äusserliche Merkmale, wie ihre struppigen Schnurrbärte und eine ähnliche körperliche Statur. Ihre erste Begegnung ist geprägt von einem gemeinsamen Detail: Beide halten eine Flasche mit hochprozentigem Alkohol in den Händen.
Früher erfuhr Adam kaum Trost von seinem Vater, was er sehr vermisste. Harry hingegen hört Adam stundenlang zu und unterstützt ihn einfühlsam bei seinem schwierigen Trauer- und Ablösungsprozess von seinen Eltern. In Adams Wunschvorstellung hat sich auch sein Vater diesbezüglich verändert. Er tröstet Adam, zeigt viel Mitgefühl und nimmt aktiv Anteil an seinem Leben. In einigen Szenen sucht sein Vater sogar zärtlichen körperlichen Kontakt zu ihm. Diese Szenen wirken jedoch oft befremdlich, da Vater und Sohn äusserlich und altersmässig kaum zu unterscheiden sind. Die körperliche Nähe zwischen ihnen erscheint ungewöhnlich, da sie weit über das hinausgeht, was normalerweise zwischen erwachsenen Männern üblich ist. Deshalb werfen diese Beobachtungen die Frage auf, ob Adams Vater möglicherweise selbst homosexuell war, jedoch nie zu dieser Seite seiner Identität stehen konnte im Gegensatz zu seinem Sohn. Stattdessen führte er ein angepasstes und sicheres Leben in einer spiessigen Ehe mit seiner Frau.
Musikalische Nostalgiereise
Die Musik nimmt in diesem stimmungsvollen Film eine zentrale Rolle ein, da sie dessen meditative und melancholische Stimmung prägt. Dabei stehen sich zwei musikalische Quellen in einem komplementären Verhältnis zueinander. Der kühle Score der französischen Komponistin Emilie Levienaise-Farrouch ist fragil und subtil. Er bildet Adams schwere Gemütslage Adams ab, während die lüpfigen Synthi-Pop-Songs einen Ausflug in eine erfreulichere Lebensphase ermöglichen.
Levienaise-Farrouchs Score ist ein minimalistischer Soundtrack aus zarten klassisch-elektronischen Klängen, die an die distanziert-kühlen Kompositionen von Maurice Jarre in WITNESS (1985) oder Cliff Martinez in SEX, LIES, AND VIDEOTAPES (1989) erinnern. Damit entsteht eine traumähnliche, entrückte Welt (der Fantasie), die mehrheitlich die depressive Stimmung der Hauptfigur einfängt. Der meditative Soundteppich wird ausschliesslich off-screen eingesetzt und versetzt uns bravourös in diese unechte Atmosphäre – eine Zwischenwelt, die nicht der Realität entspricht. Fast unaufhörlich dringt dieser minimalistische Score in unser Ohr und beeinflusst unterbewusst unsere Wahrnehmung.
Die heitere Synthi-Popmusik der 1980er setzt ein Kontrapunkt zur meditativen Musik der Komponistin. Wichtig ist, dass diese Musik ausschliesslich on-screen zu hören ist, also von Adam oder einer anderen Person bewusst ausgewählt wurde. Kein Song wird dadurch zufällig eingespielt. Titel wie JOHNNY COME HOME von Fine Young Cannibals, IS THIS LOVE? von Alison Moyet oder BUILD von The Housemartins spiegeln Adams Sehnsucht nach unbeschwerten Zeiten wider. Die Musikauswahl, die hier erklingt, könnte auch direkt aus seiner Plattensammlung stammen und führt ihn auf eine einzigartige nostalgische Zeitreise. In einer besonders bewegenden Szene singt die Kleinfamilie an ihrem letzten gemeinsamen Weihnachtfest den Pet Shop Boys-Hit ALWAYS ON MY MIND. Natürlich ist der Titel dabei Programm.
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Die eingängige Popmusik repräsentiert nicht nur Adams Nostalgiereise, sondern steht auch für Identifikation und ein Gefühl des Verstanden-Werdens. Adams Musikgeschmacks war geprägt von Bands wie den Pet Shop Boys, Erasure (deren Plattenhülle kurz zu sehen ist) und Frankie Goes To Hollywood deutet darauf hin, dass seine sexuelle Orientierung bereits mit zwölf Jahren Gestalt annahm. Besonders Frankie Goes To Hollywood und ihr Hit THE POWER OF LOVE spielen eine zentrale Rolle in diesem Film. Die Band sorgte Ende 1983 aufgrund ihrer homoerotischen Texte und der ästhetischen Anspielungen auf die schwule SM-Kultur mit ihrer Debüt-Single RELAX für einen handfesten Skandal. Der Song wurde von der BBC aus dem Programm verbannt, avancierte aber gerade deshalb zu einem der erfolgreichsten Hits der 1980er Jahre in Grossbritannien. Ungewöhnlich offen zelebrierte die Band einen homosexuellen Lifestyle, was durch das Tragen von Lederwesten und provokativen Gesten unterstrichen, aber von vielen als anstössig empfunden wurde. Die beiden Leadfiguren, Holly Johnson und Paul Rutherford, trugen ihre Homosexualität ohne Scham zur Schau und leisteten damit einen wesentlichen Beitrag, eine «Schwulenkultur» im Mainstream zu etablieren. Obwohl ihr kontroverser Auftritt auch einem Marketing-Zweck diente, hinterliessen sie einen bleibenden Eindruck bei ihren Fans, zu welchen auch Adam gehörte. Adams Bewunderung für die Band ist offensichtlich. In seinem Kinderzimmer hängt ein grosses Poster von Frankie Goes To Hollywood, das seine Verbundenheit zur Band dokumentiert – eine Bindung, die über die Musik hinausgeht. Es liegt nahe, dass Adam sich von der Band angesprochen fühlte, weil sie ihm bezüglich seiner sexuellen Orientierung die Augen öffnen konnten.
Der Schmachtfetzen THE POWER OF LOVE von Frankie Goes To Hollywood ist eine süssliche Weihnachtssingle, die musikalisch untypisch ist für die Band. THE POWER OF LOVE wird zum musikalischen Leitmotiv des Filmes. Das Lied ist ihr Lied und begleitet Adam und Harry durch ihre Beziehung, sowohl in den wichtigen Momenten ihrer Verbindung als auch darüber hinaus. Inhaltlich passt der Song ebenfalls, da er die Liebe als allumfassende, nahezu göttliche Macht behandelt, die Schutz und Trost bietet und sämtliche Hindernisse überwinden kann. Schon der Titel des Songs verspricht viel – die grosse Kraft der Liebe. Das Stück verbindet Adam und Harry und führt ihre Beziehung über irdische Gefühle hinaus ins Jenseits. In einer Schlüsselszene, während Adam sich zuhause den Auftritt der Band in der TV-Musiksendung TOP OF THE POPS auf alten Videokassetten ansieht, taucht Harry angetrunken und verzweifelt an der Wohnungstür auf. Harry wirkt einsam und flüstert Adam die Zeilen aus dem Lied zu: «Keep The Vampires From Your Door». Diese Metapher nutzt er, um seine Dämonen – seine Einsamkeit und Drogensucht – zu beschreiben. Doch Adam ist in diesem Moment nicht in der Lage, auf Harrys Angebot einzusteigen und wimmelt ihn ab.
In der Schlussszene kommt THE POWER OF LOVE nochmals ausgiebig und sehr eindrucksvoll zum Einsatz. Adam und Harry schmiegen sich im Bett aneinander und lassen sich nicht mehr los. Nun erreicht Adams Fantasie ihren Höhepunkt. Adam legt diese Platte auf. Bevor die Musik einsetzt, spricht Adam Harry die tröstenden Worte aus dem Liedtext zu: «I’ll Protect You From The Hooded Claw / Keep The Vampires From Your Door». Dann erklingt das Stück. Die Kamera verweilt auf dem innig umschlungenen Paar und zoomt langsam hinaus, bis es nur noch ein Punkt ist – ein aufblitzender Stern im Nachthimmel. Die Zeilen «Love Is The Light, Scaring Darkness Away» bleiben hängen, während Adam und Harry in einem intensiven Licht verschwinden. Dieses Licht symbolisiert den Übergang in einen friedlichen Zustand jenseits ihres physischen Daseins. Ihre Liebe und Verbundenheit überwinden den Tod, doch in der Realität finden sie nicht zueinander. Natürlich gibt es diesbezüglich unterschiedliche Interpretationsansätze, wie viel von der Beziehung zwischen Harry und Adam real oder wie viel lediglich in Adams Kopf entstanden ist.