The Substance

Demi Moore in The Substance

© Mubi / Filmcoopi

The Substance
GB, USA, Frankreich 2024 | 141 Minuten
Body-Horror, Komödie, Drama
IMDb: 7.2 | Meine Bewertung 4.0 von 5.0

Regie und Drehbuch: Coralie Fargeat; Kamera: Benjamin Kracun; Schnitt: Jérôme Eltabet, Valentin Féron; Cast: Demi Moore (Elisabeth Sparkle), Margaret Qualley (Sue), Dennis Quaid (Harvey), Hugo Diego Garcia (Diego).


© Mubi / Filmcoopi | Movie Poster


 

THE SUBSTANCE ist ein eigenwilliger Film über gegenwärtige Schönheitsideale, der sich als radikales, überzeichnetes Statement im Body Horror behauptet. Seine extreme Form sorgt für eine gespaltene Aufnahme, macht ihn aber zugleich zu einem der formal interessantesten Werke des Kinos der 2020er-Jahre.


Demi Moore ist die perfekte Besetzung

Bei der Selbst Harvey (Dennis Quaid), der widerliche Produzent, bringt die Wahrheit nicht über die Lippen. Im Gespräch mit Elisabeth Sparkle (Demi Moore), dem gealterten Star der einst beliebten TV-Fitnessshow SPARKLE YOUR LIFE, druckt er herum: «And people always ask for something new. Renewal is inevitable. And at 50... well... it stops.» Auf Elisabeths Nachfragen hin weicht er aus, verlässt schliesslich wortlos den Tisch und lässt sie fassungslos zurück. Doch Elisabeth braucht keine Antwort mehr. Die Botschaft ist klar: Ihre Karriere ist vorbei. Am Tag ihres 50. Geburtstags wird sie aussortiert. In Hollywood zählen Jugend und makellose Schönheit mehr als alles andere, und wer das nicht mehr verkörpert, hat ausgedient.

Frauen über 50 gelten in der Öffentlichkeit oft als unsichtbar, als nicht mehr sexuell begehrenswert. Trotz zaghafter gesellschaftlicher Fortschritte ist der Kult um jugendliche Schönheit ungebrochen. Hollywood bleibt ein Ort der Eitelkeit, eine Industrie für die Schönen und Perfekten. Wer nicht länger dem gängigen Schönheitsideal entspricht, verschwindet gnadenlos aus dem Rampenlicht. Die Alters-Guillotine schlägt hart zu und brachte zahlreiche Schauspielerinnen in Hollywood zu Fall. Schauspielerinnen erleben bereits jenseits der 30 oft einen jähen Karriereknick. Selbst grosse Namen wie Meg Ryan oder Melanie Griffith waren davor nicht gefeit und verschwanden fast über Nacht von der Bildfläche – mit dem Verblassen ihrer jugendlichen Schönheit.

Demi Moore ist eine der prominentesten Leidtragenden des Schönheitsdiktats «Made in Hollywood». Deswegen ist ihre Besetzung auch ein Coup, weil sie einerseits im Verlaufe ihrer Karriere eine extreme körperliche Veränderung durchlief, andererseits kennt sie das Gefühl der Ausbootung bestens aus eigener Erfahrung. Ihr Abstieg begann mit der Komödie STRIPTEASE (1996), Moore war damals 34. Dabei hatte alles vielversprechend begonnen. Mit ST. ELMO’S FIRE (1985) wurde sie zum aufstrebenden Star der Brat-Pack-Generation, den endgültigen Durchbruch schaffte sie mit dem weltweiten Kinohit GHOST (1990) an der Seite von Patrick Swayze und Whoopi Goldberg. Damals war sie zwar bekannt, aber sicher kein Sexsymbol. Mit ihrem schauspielerischen Talent kam sie jedoch nicht an ernsthaften Schauspielerinnen wie Jodie Foster, Glenn Close oder Meryl Streep heran. Mit GHOST stand sie in Hollywood dennoch an der Spitze.

Zu Beginn der 1990er-Jahre verlagerte Moores Image. Sie optimierte ihren Körper unter anderem mit plastischer Chirurgie und begann, ihre physische Attraktivität aktiv zu vermarkten. Der attraktive Körper stellte sie in den Mittelpunkt ihrer Karriere, dabei behielt sie wie Madonna stets die Kontrolle über ihre Entscheidungen. Sie inszenierte sich gezielt und selbstbewusst als Projektionsfläche. Legendär wurde ihr Titelbild auf dem VANITY FAIR-Cover von 1991: Hochschwanger, nackt, fotografiert von der Star-Fotografin Annie Leibovitz. Mit den grossen Hollywood-Hits INDECENT PROPOSAL (1993) und später mit DISCLOSURE (1994) festigte sie ihren Status als Sexsymbol und wurde in der Folge zur bestbezahlten Schauspielerin Hollywoods.

Auf ihrem Zenit stehend, hätte STRIPTEASE schliesslich ihr Karriere-Höhepunkt werden sollen. Für ihre Rolle als die Stripperin Erin Grant kassierte sie die unfassbare Gage von 12,5 Millionen Dollar. Noch nie hatte eine Schauspielerin bis dahin so viel für einen einzigen Film kassiert. Übrigens belief sich das gesamte Budget von THE SUBSTANCE auf ca. 17,5 Millionen Dollar. Nur so als Vergleichsbasis gegenübergestellt. Für STRIPTEASE setzte Moore alles auf die Karte Körper und brachte sich monatelang mit harten Trainings in Hochform. Bei Letterman zeigte sie sich im Bikini und regte beim Publikum die Spekulationen an. Niemand sprach über Handlung oder Inszenierung, sondern nur darüber, wie oft und wie nackt sich Superstar Moore zeigen würde. Die Botschaft der Marketingkampagne war simpel: «Demi Moore zieht sich aus, dass musst du gesehen haben!» Die ganze Promo nutzte jedoch nichts, denn der Film floppte krachend und Moore gewann obendrein einen Razzie-Award für ihre miserable Schauspielleistung. Moore verkalkulierte sich komplett und ihre Karriere brach schlagartig ein.

Nach STRIPTEASE stand Moores Karriere an einem ähnlichen Wendepunkt wie Elisabeth Sparkle in THE SUBSTANCE. Beide erleben den jähen Bruch, beide stürzen ab – und beide bekommen die volle Härte der Branche zu spüren. Fast drei Jahrzehnte lang spielte sie kaum Rollen von Relevanz. Sie wurde vergessen – eine einstige Ikone, nun ein Relikt. Niemand interessierte sich mehr für sie. Ihre Geschichte schien zu Ende erzählt.

Ihre eindrucksvolle Rückkehr in THE SUBSTANCE ist so wirkungsvoll, weil die Parallelen ihrer Karrieren augenscheinlich sind. Regisseurin Coralie Fargeat, gemeinsam mit den Produzenten Tim Beaven und Eric Fellner, gelingt ihr mit ihrer Besetzung ein veritabler Glücksgriff. Moores eigene Biografie trägt zur Wucht des Filmes bei. Ihr Image, ihr Aufstieg und Fall, ihre Authentizität – all das fliesst in ihre Figur ein. Die Glaubwürdigkeit ihrer Darstellung ist maximal. Es ist das eine, diese Geschichte zu erzählen, es ist aber etwas ganz anderes, sie mit der gebrochenen Hollywood-Diva zu erzählen. In der Traumfabrik Hollywood liebt man solche märchenhaften Wiederauferstehungs-Geschichten und hier gelingt eines der grössten Comebacks überhaupt. Moore wurde für ihre Rolle mehrfach ausgezeichnet: Saturn Award, Golden Globe, Screen Actors Guild Award. Mit über 60 ist sie zurück.

Auch Elisabeth Sparkle träumt von einer Rückkehr ins Rampenlicht. Ihre Fitness-Show hat sie verloren, ihr Körper ist nicht mehr straff und knackig und ihr Publikum interessiert sich nicht mehr für sie. Doch dann bietet sich eine drastische Lösung: Eine mysteriöse Flüssigkeit, The Substance, verspricht Erlösung. Sie wagt dieses Experiment. Einmal wöchentlich injiziert, erschafft sie eine bessere Version ihrer selbst: Younger. More Beautiful. More Perfect. Während Elisabeth in einen komatösen Zustand verfällt und als Nahrungsquelle dient, feiert das zweite Ich, namens Sue (Margaret Qualley), sieben Tage lang eine glamouröse und prachtvolle Party. Danach kehrt Sue zurück in den alten Körper. Die beiden Persönlichkeiten sind aufeinander angewiesen, weil sie eins sind. Sue braucht Elisabeths Lebenssaft und Elisabeth braucht Sues Jugend, um Relevanz zurückzugewinnen. Die Regeln des Experiments sind klar und müssen unbedingt eingehalten werden, doch Sue will verständlicherweise mehr Lebenszeit und beginnt die Regeln auf Kosten Elisabeths zu brechen, deren Körper allmählich zerfällt. Das fragile Gleichgewicht kippt und die beiden Frauen beginnen sich gegenseitig zu bekämpfen. Sie sind keine klassischen Gegenspielerinnen, sondern zwei Hälften eines zerfallenden Ichs. Der Wunsch nach Schönheit und Ruhm wird jedoch zur zerstörerischen Obsession, was zu einem physischen Abnützungskampf mit negativem Ausgang führt.

Der perfekte, der verbrauchte und der deformierte Körper

THE SUBSTANCE ist ein ausgesprochen körperlicher Film, was im Horrorgenre nicht ungewöhnlich ist. In diesem Body-Horrorfilm dreht sich alles um Schönheitsideale, das Aussehen und wie wichtig der perfekte Körper für eine Hollywoodkarriere ist. Der Film ist pures Körperkino. Im Zentrum steht Elisabeth Sparkle, die wir in drei unterschiedlichen Aggregationszuständen erleben: als veraltete, abgelehnte Frau, als perfekte Hülle und schliesslich als deformiertes Monster.

Sparkle ist eine nach wie vor eine attraktive Frau, die jedoch für Hollywood-Verhältnisse das Verfallsdatum überschritten hat und entsprechend dem Jugendwahn zum Opfer fällt. In einer eindrücklichen Szene wird ihr Körper gnadenlos ins Visier genommen. Nicht mehr im Dienst der Erotik, wie einst in STRIPTEASE, sondern als Objekt des Verfalls. Moore zeigt sich in THE SUBSTANCE entblösster als je zuvor, mit einem erstaunlichen Mut zur Uneitelkeit.

Doch dann verändert sich alles: Dank der Injektion der titelgebenden Substanz gebiert Elisabeth aus ihrem Rücken ein jüngeres Selbst. Eine atemberaubende Version namens Sue. Sie verkörpert alles, was Hollywood verlangt: Makellose Schönheit und einen begehrenswerten Körper. Sue erobert Hollywood im Sturm. Sieben Tage lang saugt sie den Ruhm und die Aufmerksamkeit auf, danach muss sie zurück in die Realität des alternden Körpers von Elisabeth.

Substance, Margaret Qualley

© Mubi / Filmcoopi

Sues Körper wird dabei stilisiert, sexualisiert und fetischisiert. Sie selbst betrachtet sich bewundernd im Spiegel, erkundet ihren Körper wie ein fremdes, neues Terrain. Die Kamera tut es ihr gleich – sie zeigt jede Rundung, jeden Muskel, jeden Zentimeter Haut. In einem überzeichneten extrem Close-Up wird ihr leicht geöffneter Mund zum erotisierten Mittelpunkt. Erotisch haucht sie «I’m Sue». Ihr Lächeln ist entwaffnend. Ihr Körper wird zur Projektionsfläche, zum Konsumprodukt. Wir sehen, wie die obsessive Fixierung ihres Körpers voranschreitet und als radikaler Kontrast zu Elisabeths schwindender Jugend steht.

Die glitzernden Tanzszenen mit Sue in ihrer grellen TV-Show PUMP IT UP wirken überdreht und übersexualisiert. Die Kamera klebt an ihrem Hintern, gleitet schamlos über ihren Körper. Man kann unmöglich wegsehen. Natürlich erinnert diese Ästhetik an Eric Prydz’ Aerobic-Musikvideo CALL ON ME (2004), welches diesen Szenen wohl Vorlage gestanden ist. CALL ON ME ist unverständlicherweise bis heute ein höchst beliebtes Musikvideo, das auf der Youtube-Plattform rund 100 Millionen Views erreicht, obwohl das Video vor dem Youtube-Zeitalter herauskam. Die Fitness-Show wird nicht nur neu besetzt, sondern wird mit allen möglichen Zutaten aufgepeppt: Die Tänzerinnen tauschen sportliche Outfits gegen knappe, aufreizende Kleidung. Der Körper steht im Zentrum, der Blick ist voyeuristisch, geradezu gierig.

Doch Sue ist kein eigenständiges Wesen. Sie ist Elisabeth, nur anders. Beide sind ein und dieselbe Person, sie sind jung und alt. Ying und Yang. Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Das Gleichgewicht zwischen den beiden Identitäten gerät aus den Fugen, weil Sue den Ruhm beansprucht und nicht teilen will. Die Beiden müssten kooperieren, doch Egoismus, Eitelkeit und Gier verhindern das. Obwohl der Anbieter ihnen öfters in Erinnerung ruft, dass sie eins seien, zerfleischen sie sich und bekämpfen sich gegenseitig. In dieser Konstellation können beide jedoch nur verlieren.

Nicht nur in Hollywood hat der Körper eine zentrale Bedeutung, auch im Horrorgenre spielt er eine essenzielle Rolle, weil er auf mehreren Ebenen wirksam ist. Der menschliche Körper ist hier nicht bloss Hülle für handelnde Figuren, sondern Schauplatz innerer Konflikte, Ausdruck seelischer Zustände und Transformationsobjekt. Er wird als verletzliches, verwandelbares oder monströses Wesen inszeniert. Innere Spannungen oder physische Auseinandersetzungen äussern sich körperlich – über Blut, Wunden, Verfall, Verstümmelung oder deformierte Körperteile. Der Körper befindet sich in diesem Genre im Zustand ständiger Veränderung. Häufig geht es darum, dass Körper beschädigt, entstellt oder gar vernichtet werden. Während die Opfer häufig attraktiv aussehen, fällt der Bösewicht oder das Monster dagegen mit seiner Hässlichkeit auf.

In THE SUBSTANCE verläuft die Transformation zuerst von der gealterten Elisabeth hin zur makellosen Sue und wieder zurück. Elisabeth bzw. Sue ruiniert ihren Körper im verzweifelten Streben nach Perfektion und ewiger Schönheit. Dies führt zu einem dritten Zustand: Dem endgültigen Zerfall. In der Schlusssequenz passiert, was das mysteriöse Programm bereits angedeutet hat. Elisabeth und Sue vereinen sich tatsächlich zu einem neuen Wesen– ein Monster mit dem Namen MONSTRO ELISASUE. Es ist eine groteske Figur, die man gesehen haben muss.


THE SUBSTANCE ist pures Körperkino. (…) Der Film schafft es, die Geschichte allein mit audiovisuellen Erzählmittel zu erzählen.


Mir gefällt die Idee, dass der zentrale Konflikt nicht wie üblich zwischen zwei Figuren, sondern innerhalb einer einzigen Figur ausgetragen wird. Wo der Horrorfilm sonst einen Gegenspieler in einem Slasher oder einem Monster sucht, findet THE SUBSTANCE den Feind im Inneren. Im Kampf alt gegen jung, unattraktiv gegen begehrenswert. Der Film erzählt eine innere Zerreissprobe, wie man sie im Horror so selten sieht. Die «böse» Sue erscheint eigensüchtig, narzisstisch, übergriffig. Sie ist jedoch genauso wie Elisabeth nur ein Produkt eines Systems, das Frauen nach ihrer äusseren Erscheinung bewertet und sie aussortiert, wenn sie nicht mehr dem Schönheitsideal entsprechen. Der wahre Bösewicht bleibt jedoch im Hintergrund. Hier wird er durch Harvey repräsentiert, der ungestraft bleibt und nicht einmal zur Rechenschaft gezogen wird..

Ein visuelles Erlebnis der seltenen Art

Zweifellos ist THE SUBSTANCE etwas fürs Auge, weil uns eine aufregende Oberfläche geboten wird. Die Schauwerte sind überwältigend: Das Production Design glänzt, die Kostüme sind knallig und das Make-Up spektakulär und mit dem Oscar ausgezeichnet, das Aussehen der Menschen, die allmählich mutieren, ist aufsehenerregend. Es ist eine grelle, überdrehte Satire. Alles ist «over the top» inszeniert, von der schonungslosen Bildgestaltung bis zur aufdringlichen Tonebene. THE SUBSTANCE attackiert seine Zuschauer frontal, aggressiv und je nach Sichtweise auch übergriffig. Die sterile Umgebung – oft klinisch wie eine Arztpraxis – bringt das Blut, das Fleisch und die Körperflüssigkeit umso drastischer zur Geltung.

Der Film bekennt sich radikal zum Bild. Er vertraut konsequent auf seine audiovisuellen Mittel und verzichtet weitgehend auf eine dialoggetriebene Dramaturgie. Worte spielen eine marginale Rolle und können fast ignoriert werden. Diese klare Priorisierung des Visuellen ist in der heutigen Filmlandschaft selten geworden. Während viele aktuelle Werke, wie etwa das hochgelobte ANATOMIE D’UNE CHUTE, stark auf gesprochene Sprache und ausformulierte Dialoge setzen, erinnert THE SUBSTANCE daran, dass Kino vor allem ein audiovisuelles Medium ist. Der Film schafft es, die Geschichte allein mit audiovisuellen Erzählmittel zu erzählen. Ich habe in den letzten Jahren nur wenige Filme gesehen, die so konsequent ein audiovisuelles Erlebnis bieten. THE SUBSTANCE verkörpert eine Form des Erzählens, die ich heute schmerzlich vermisse. Dass dieser Ansatz funktioniert, liegt auch am Thema des Films. Die Veränderungen der Körper, der groteske Showdown, das Monster Elisasue – all das wirkt gerade deshalb so eindrucksvoll, weil es gezeigt und nicht beschrieben wird. Der Showdown – ein blutiger Exzess – ist so drastisch wie überzeichnet. Aber er bleibt haften, weil er sich ganz auf die Kraft der Bilder verlässt.

Ein herausragendes Beispiel für die visuelle Kraft des Films ist die rund zwölfminütige Transformationsszene, die ohne Dialoge auskommt – und gerade deshalb so eindrücklich wirkt. Der Film nimmt sich Zeit, die Metamorphose in aller Konsequenz und Detailgenauigkeit zu inszenieren: Elisabeths jüngeres Ich, Sue, steigt aus ihrem Rücken hervor – eine wortlose, spektakulär inszenierte Geburt, in der ein neuer Mensch seine Existenz beginnt. Die Szene lebt von ihren Kontrasten: Der sterile, grell ausgeleuchtete Raum steht im Widerspruch zu den blutigen Spuren und der grotesken Öffnung des Rückens, die fast monumental wirkt. In dieser Kulisse begegnen sich zwei Körper – nackt und ungeschützt. Der alte und der junge Körper stehen in schonungsloser Direktheit nebeneinander. Nichts wird verhüllt, jede Hautfalte, jede Naht ist sichtbar. Die Kamera blickt ohne Scheu auf diese Körper – ein Akt des radikalen Zeigens.

Eine zweite, höchst gelungene Szene, die vollständig auf audiovisuelle Mittel setzt, ist die verhinderte Date-Sequenz (70:57–75:19). Elisabeth hat ein Treffen mit ihrem ehemaligen Schulkollegen und Bewunderer Fred geplant, zu dem sie sich sorgfältig vorbereitet. Sie schminkt sich, blickt prüfend in den Spiegel – doch Zufriedenheit will sich nicht einstellen. Immer wieder korrigiert sie Details, ohne dass das Ergebnis für sie stimmiger wird. Der Spiegel wird zum natürlichen Feind, sie erträgt ihr eigenes Gesicht nicht mehr. Am Ende verschmiert sie den Lippenstift quer über ihr Gesicht – ein verzweifelter Versuch, sich selbst auszulöschen. Diese Szene ist grossartig, weil sie ohne ein einziges Wort präzise Elisabeths innere Verfassung spiegelt. Am Schluss sitzt sie wie ein Häufchen Elend im dunklen Raum. Der Frust ist greifbar.

Ein grosses Lob gebührt dem Drehbuch, das 2024 in Cannes zu Recht ausgezeichnet wurde. THE SUBSTANCE beruht auf einer eigenständigen, eigens für den Film entwickelten Idee, die von Beginn an ausschliesslich für das Medium Film gedacht wurde. Es musste nicht erst ein literarischer Text in Bilder übersetzt werden, was bei vielen Adaptionen häufig das Problem ist. Fargeat verlor sich nicht in lange Dialogpassagen, sondern überliess den Bildern das Erzählen – das ist kein abgefilmtes Theater, sondern echtes Kino.

Die brillante Grundidee trägt den Film über weite Strecken. Zwei Drittel sind hervorragend. Die Geschichte verläuft so überraschend und eigenwillig, dass sie sich jederzeit in neue Richtungen entwickeln könnte. Das letzte Viertel verliert jedoch an Schärfe. Der Showdown ist mit rund 40 Minuten deutlich überdehnt, die Auflösung wirkt substanzlos und lässt eine stärkere gesellschaftskritische Pointe vermissen. Dennoch bleibt der Gesamteindruck einer mutigen, visuell eigenständigen Erzählung, die sich ihrer Mittel bewusst ist und diese konsequent nutzt. 

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