Trainspotting

Trainspotting

© Universal Pictures (NBCUniversal)

Trainspotting
GB 1996 | 94 Minuten
Komödie, Drama
IMDb: 8.1 | Meine Bewertung 5.0 von 5.0

Regie: Danny Boyle; Drehbuch: John Hodge; Musik: Damon Albarn; Kamera: Brian Tufano; Schnitt: Masahiro Hirakubo; Cast: Ewan McGregor (Mark Renton), Ewen Bremner (Daniel “Spud” Murphy), Robert Carlyle (Francis Begbie), Jonny Lee Miller (Simon “Sick Boy” Williamson, Kevin McKidd (Tommy MacKenzie), Kelly Macdonald (Diane Forman).


© Universal Pictures (NBCUniversal) | Movie Poster


 

Choose Chaos, choose Edinburgh: Diese schwarze Drogen-Komödie nach dem Roman von Irvine Welsh war Mitte der 1990er ein filmischer Stromschlag – wild, roh, stilistisch frisch und voller Energie. Choose einen kompromisslosen Kultfilm, der schräg, rotzig und subversiv jede Szene mit einer Energie auflädt, die einen auch Jahrzehnte später noch mitreisst.


Ein britischer Kultfilm

Mit dem Etikett „Kultfilm“ wird heute gerne und reichlich geworfen. Allein in der englischen Wikipedia tummeln sich über 300 sogenannte Kultfilme nur aus den 1990er-Jahren. Man fragt sich unwillkürlich: Haben die damals heimlich jeden Kinofilm damit geadelt? Doch es gibt Ausnahmen, bei denen das grosse Kult-Wort gerechtfertigt ist – TRAINSPOTTING ist so eine. Hier muss man nicht peinlich berührt die Definition zurechtbiegen: Der Stoff hat alles, was Kult braucht – Skandalpotenzial, Stil, Soundtrack und Zitate fürs Leben. Die literarische Vorlage von Irvine Welsh erschien 1993, drei Jahre später folgte Danny Boyles Film, der wie ein Heroinschuss ins britische Kino einschlug – mit Nebenwirkungen für die Popkultur. Das Buch erlebte dank der Verfilmung ein Revival, und der Film selbst ist seither nicht nur Kult, sondern britisches Nationalheiligtum und auf fast jeder Bestenliste zu finden.

Ich sah TRAINSPOTTING damals direkt zum Kinostart – und der Film haute mich sogleich aus den Socken. Stil, Schnitt, Sound sind vorzüglich. Alles wild, roh, originell. Ich sass da wie paralysiert und dachte: Aha, PULP FICTION hat einen britischen Cousin. Fast 30 Jahre später hat der Film für mir nichts von seiner faszinierenden Wirkung eingebüsst. Der subversive und kompromisslose Film knallt heute noch wie beim ersten Mal. Es ist kein Film, der freundlich an die Tür klopft. Er zertrümmert sie – ist schräg, rotzig, und energiegeladen. Der rabenschwarze Humor bleibt einem gelegentlich im Hals stecken. Kein Wunder, dass der Film damals wie auch heute noch polarisiert.

Die Handlung ist schnell erzählt. Ein heroinsüchtiger Typ namens Mark Renton zieht uns als Ich-Erzähler direkt in seinen kaputten Alltag in Edinburgh. Sein einziges Ziel: Der nächste Schuss. Immer mal wieder versucht er sich von diesem Teufelszeug zu befreien und clean zu werden. Einmal sperren ihn seine Eltern sogar in sein Kinderzimmer zum kalten Entzug ein. Damit gelingt ihm tatsächlich der langersehnte Absprung. In London baut er als Immobilienmakler eine neue Existenz auf, doch seine Vergangenheit holt ihn ein. Plötzlich steht Begbie vor der Tür, der des bewaffneten Raubs verdächtigt wird. Auch Sick Boy lässt nicht lange auf sich warten. Zusammen mit Spud steigen sie in einen lukrativen Heroin-Deal ein.

Die Ablehnung der Bürgerlichkeit

«Choose Life. Choose a job. Choose a career. Choose a family. Choose a fucking big television, choose washing machines, cars, compact disc players and electrical tin openers. Choose good health, low cholesterol, and dental insurance. Choose fixed interest mortgage repayments. Choose a starter home. Choose your friends. [...] Choose your future. Choose life... But why would I want to do a thing like that? I chose not to choose life. I chose somethin' else. And the reasons? There are no reasons. Who needs reasons when you've got heroin?»

Der berühmte Choose-Life-Monolog zu Beginn des Filmes, später in leicht abgewandelter Form nochmals serviert, ist mehr als ein rotziger Einstieg und bringt Mark Rentons Weltanschauung und die seines kaputten Freundeskreises auf den Punkt. Grundsätzlich spuckt er auf das Ideal eines «normalen» Lebens, das für ihn unerreichbar zu sein scheint. Er verweigert sich dem Konsum und dem bürgerlichen Lebensentwurf – stattdessen setzt er auf Drogen. Er brauche keine Gründe dafür, teilte er uns mit, weil er Heroin habe. Natürlich treibt er mit einer solchen Aussage die zynische Grundhaltung der Generation X auf die Spitze.

Man findet diese zynische Haltung quer durch die Popkultur der 1990er Jahre. In den TV-Serien THE SIMPSONS oder SOUTH PARK, in den literarischen Werken AMERICAN PSYCHO von Bret Easton Ellis oder FIGHT CLUB von Chuck Palahniuk. Alle versprühen denselben giftigen Witz. Die Grunge-Rock-Band Nirvana ersetzte den Hochglanzrock der 1980er Jahre durch Resignation und Wut. Der passende Held, nein Antiheld dazu, war der Slacker, den wir in der Figur von Mark Renton wiederfinden: Reflektiert, aber perspektivlos und zynisch. Er gibt jede Menge spöttische Sprüche von sich, die auf dem bekannten Punk-Slogan «No Future» fussen.

Ich weiss nicht, ob so eine schwarze Komödie heute noch durchkommen würde. Schon der Roman von Irvine Welsh trug viel zum Lebensgefühl dieser desillusionierten Generation bei, auch der Film verstand es dieses Gefühl zu übertragen. Schliesslich soll der Film in seinem damaligen Zeitgeist verstanden werden. Die bittere Ironie, die ihn durchzieht, war nicht jedermanns Sache – das hat sich bis heute nicht verändert. Wer TRAINSPOTTING verstehen will, muss zurück in die 1990er Jahre, in eine Zeit, in der Zynismus in der Popkultur als eine Haltung verankert war – nicht nur eine Pose. Um den Grundton des Filmes verstehen zu können, muss man sich halt in diese Zeit begeben.

Neben dem Monolog dient auch PERFECT DAY von Lou Reed als Paradebeispiel für diesen vorgeführten Zynismus sein. Lou Reed singt in einer Szene unerschütterlich von einem perfekten Tag – während Renton sich mit einer Überdosis fast ins Nirwana schiesst. Das ist bitterster Zynismus. Die Diskrepanz zwischen Bild und Ton ist extrem perfide – aber eben auch brillant.

Figuren, die atmen und sich menschlich anfühlen

In TRAINSPOTTING betreten wir die zerrüttete Welt von Mark Renton und seinen vier Freunden. Die fünf Typen verbindet kaum mehr als ihre Sucht. Im Zusammenhang mit seiner Heroinsucht sagte er jedoch einmal: «Das Schlimmste am Aufhören war, meine Freunde in vollem Bewusstsein zu erleben. Schrecklich. Sie erinnerten mich zu sehr an mich selbst.» Der Zusammenhalt zu seinen Jungs ist gering, schliesslich kämpft jeder mit sich selbst und seiner Sucht. Sie bilden lediglich eine Zweckgemeinschaft und für den nächsten Schuss, nutzen sie einander auch rücksichtslos aus.

Von Beginn an werden wir ins Denkzentrum des jungen heroinsüchtigen Renton geschmissen. Er ist der Ich-Erzähler, dem wir am nächsten sind und seinen Worten folgen wir gebannt. Seine Gedanken sind aus dem Voice-Over zu hören, dadurch scheinen wir förmlich in seinem Kopf zu sitzen. Renton ist kein Held, wie es im 1980er-Jahre-Kino so viele gegeben hat. Eher ein abgefuckter und labiler Antiheld, der heute aufhören will und morgen schon wieder an der Spritze hängt. Er ist zerrissen, wütend, aufgekratzt, mal wach, mal apathisch – stürzt ab und kämpft sich wieder zurück.

Ewan McGregor ist die Idealbesetzung für diesen Mark Renton. Kein anderer hätte diesen Mix aus Verlorenheit, Wut und Sensibilität so glaubhaft auf die Leinwand bringen können. Ich mochte ihn sowieso schon immer und in den 1990ern und 2000er Jahren war er oft ein entscheidender Faktor, mir manche Filme überhaupt anzuschauen, weil er stets eine hochinteressante Mischung zusammenbrachte: Er war gleichzeitig charismatisch und nahbar, cool und glaubwürdig, kompromisslos und trotzdem nicht abgehoben. Seine Filmauswahl kann sich mit Filmen wie BRASSED OFF (1996), A LIFE LESS ORDINARY (1997), MOULIN ROUGE (2001), STAR WARS EPISODE I-III (1999-2005), BIG FISH (2003) wirklich sehen lassen.

© Universal Pictures (NBCUniversal)

Neben Renton tritt eine ganze Reihe weiterer Figuren auf, die für diesen kaputten Kosmos ebenso zentral sind und bereits im Prolog mit Namenseinblendung vorgestellt werden. Im gleichnamigen Roman wird die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, damit bekommen die einzelnen Figuren mehr Gewicht. Im Film dagegen verharren wir von Anfang bis zum Schluss bei Renton. Durch diese Gruppe von Loser erhalten wir einen erstaunlich präzisen, ungefilterten Einblick in diese abgefuckte Lebenswelt. Wir treffen auf Figuren mit menschlichen Schwächen, die allesamt ein Problem mit einer Sucht haben. Eine echte Nähe kann zwischen ihnen nicht entstehen, weil ihnen ihre Sucht und Unzulänglichkeit permanent im Weg stehen. Es sind selbstzerstörerische Existenzen, deren gesamtes Handeln auf das Streben nach dem Stoff ausgerichtet ist.

Begbie ist das aggressive, psychopathische Arschloch. Eine tickende Zeitbombe, die stets auf der Suche nach Streit ist. Er dreht sogleich durch und ist süchtig nach Alkohol (und Gewalt).

Sick Boy scheint alles unter Kontrolle zu haben, selbst die Sucht. Der Gelegenheitsdealer und Bond-Kenner ist aber der grösste Zyniker und scheint keine Moral zu kennen.

Spud ist der liebenswerte, tollpatschige Loser, den niemand ernst nimmt und wahrscheinlich nur als Mitläufer Heroin konsumiert.

Tommy ist eine Sportskanone und der eigentliche Saubermann der Gruppe. Mit Heroin hat er anfangs nichts am Hut. Als seine Freundin Lizzy ihm aber den Laufpass gibt, erlebt er den totalen Heroinabsturz.

Sie alle kämpfen mit einer Sucht. Während Renton, Spud und Sick Boy heroinsüchtig sind, fällt Begbie durch seinen übermässigen Alkoholkonsum auf und bei Tommy ist es die Beziehung, die ihn emotional abhängig machte. Anhand zweier Figuren zeichnet der Film exemplarisch zwei gegensätzliche Lebenswege nach. Renton steckt zu Beginn tief in der Sucht drin, schafft aber den vermeintlichen Absprung. Tommy dagegen, zu Beginn der Vernünftigste im Bunde, fällt tief. In einer Szene steht der frisch entgiftete Renton in Tommys versiffter Wohnung. Ihre Wege verlaufen inzwischen in entgegengesetzten Richtungen. Tommy hat keine Freunde mehr, keinen Halt, keine Hoffnung. Die Heroinsucht hat ihn zerstört – und dann stirbt er. Die Jungs besuchen gemeinsam die Beerdigung. Eine traurige Geschichte und ein schrecklicher Abstieg.

Obwohl dem Film nur eine kurze Filmdauer von 90 Minuten zur Verfügung steht, gelingt es dem Film auf beeindruckende Weise, seine Figuren präzis und authentisch zu zeichnen. Sie bekommen erstaunlich schnell ein Gesicht, eine Haltung und eine Biografie. Mit nur wenigen Eigenschaften werden sie zum Leben erweckt – das ist grossartig. Klar, sie sind überzeichnet und oft grotesk in ihrer Darstellung, und doch wirken ihre inneren Konflikte, ihre Widersprüche, ihre Abgründe erschreckend real. Der Wiedererkennungswert ist hoch. Das macht der Film sehr gut.

Wird die Drogensucht verharmlost?

«Nimm deinen besten Orgasmus und multipliziere ihn mit tausend und du bist nicht einmal nah dran.» Renton erzählt freimütig und voll des Lobes über den Konsum von Heroin. Heroin war in den 1990er-Jahre mehr als nur eine Droge – es war ein Look, ein Statement, ein verdammtes Lebensgefühl. In der Mode, Musik und Filmwelt wird Heroin ästhetisiert. Kate Moss und Kurt Cobain waren gefeierte Stilikonen, die diesem Lifestyle frönten. «Heroin-Chic» nannte man das. Der Look zeigte ausgezehrte und blasse Menschen, was als Statement gegen den makellosen Glamour sowie die glatte Oberfläche der 1980er Jahre verstanden werden musste.

Kein anderes Rauschmittel wurde in der Popkultur so oft romantisiert und verflucht zugleich. Die Band The Velvet Unterground sang in HEROIN «Heroin, It’s My Wife And It’s My Life..» und Frank Sinatra musste in THE MAN WITH THE GOLDEN ARM (1955, Otto Preminger) einen kalten Entzug über sich ergehen lassen. Kurt Cobain verlieh in den frühen 1990er Jahren dem Heroinsüchtigen ein Gesicht und Irvine Welsh schrieb mit TRAINSPOTTING das vielleicht prägendste Buch zum Thema. Zudem kommt man in diesem Film nicht um den Punk-Rocker Iggy Pop herum, der von den Jungs vergöttert wird. Zwei Stücke sind von ihm zu hören. In den früheren 1970er Jahren war Iggy Pop schwer abhängig nach Heroin. Seine Sucht hatte aber einen kreativen Einfluss auf seine Kunst, seine Bühnenpräsenz und sein Chaos. Heroin hat in der Popkultur eine ambivalente, fast mythische Bedeutung: Es ist Symbol für Rebellion und Verzweiflung, Stilmittel für das Scheitern und zugleich Projektionsfläche für eine morbide Sehnsucht nach Ekstase, Stillstand und Tod.


Die Sucht hat die betroffenen Junkies jedoch voll im Griff und der Film zeigt sehr gut, dass man fast nicht davonkommt.


Es mag sein, dass wir einen etwas zu coolen und unbeschwerten Eindruck übermittelt bekommen. In diese Kategorie gehört auch Rentons fragwürdige «Orgasmus»-Aussage. Einmal redet er mit Sick Boy, dass Bowie, Pop und andere nach ihrer Abstinenz an Kreativkraft einbüssten. Die Sucht hat die betroffenen Junkies jedoch voll im Griff und der Film zeigt sehr gut, dass man fast nicht davonkommt. Es ist ein dauerndes Auf und Ab – dafür steht Renton exemplarisch. Renton bestiehlt seine Eltern, liegt im kalten Entzug zitternd im Bett und sieht ein totes Baby an der Decke kriechen. Gut gezeigt wird der Lebensweg eines Süchtigen mit seinen Höhen und Tiefen, dem Reissen, dem Höhepunkt und dem krassen Fall.

Das Boyle und Hodge sich weigerten, bezüglich des Drogenkonsums einen eindeutig moralischen Standpunkt zu beziehen, stiess nicht überall auf grenzenlose Begeisterung, jedoch finde ich diese differenzierte Darstellung gelungen. Schliesslich muss das Heroin ja etwas haben, das so viele Menschen süchtig danach werden. Boyle wollte kein Anti-Drogen-Drama à la CHRISTIANE F. erschaffen. Die Sucht sollte so gezeigt werden, was sie ist: verführerisch und zerstörerisch zugleich. Ein Teufelskreis, der manchmal wie ein Rausch und manchmal wie das Ende der Welt wirkt.

Klar, manche werfen dem Film vor, zu locker mit dem Thema umzugehen, die Bitterkeit zu kaschieren. Aber das ist zu kurz gedacht. Denn genau in dieser Ambivalenz liegt die Stärke von TRAINSPOTTING: Er zeigt uns, warum Menschen überhaupt erst in die Sucht abrutschen. Weil der Stoff knallt. Weil das Leben sonst nichts hergibt. Weil man hofft, für einen Moment alles andere auszublenden. Und dann kommt der Absturz – hässlich, gnadenlos, ehrlich. Renton steht am Ende sinnbildlich für die Suchtkarriere. Immer auf der Kippe zwischen «Ich hör auf» und «Ein letzter noch». TRAINSPOTTING romantisiert nichts – aber es versteht. Und das macht den Film so verdammt gut.

Ein Meisterwerk des 1990er-Kinos

TRAINSPOTTING ist ein Meisterwerk des 1990er-Kinos. Der Film hat sich so tief in mein filmisches Gedächtnis gebrannt, dass ich heute noch locker viele Szenen abrufen kann, als hätte ich sie gestern gesehen. Es gibt zahlreiche Szenen, die stimmungsvoll auf den Punkt hin inszeniert sind. Schon die erste Minute knallt voll rein: LUST FOR LIFE brettert los und die Jungs rennen durch die Strassen von Edinburgh, auf der Flucht vor der Polizei. Man ist sogleich mittendrin. Dieser Auftakt hat unglaublich viel Energie und die Punk-Attitüde drückt dem Ganzen noch eine subversive Note auf: Rebellisch, rotzig, rasant, atmosphärisch und irgendwie auch total witzig.

Wir bekommen eine audiovisuelle Show geboten, wie man sie in dieser kreativen Ausprägung selten zu Gesicht bekommt. Alles greift ineinander: Musik, Schnitt, Kamera-Spielereien. Die stilistischen Spielereien dienen immer dem Thema, nie dem Selbstzweck. Vor allem in der ersten halben Stunde zündet Boyle ein regelrechtes Feuerwerk ab: Irres Tempo, starker Rhythmus, visuelle Ideen am laufenden Band. Das ist ein filmischer Trip, der das Chaos feiert und dabei nie die Kontrolle verliert. Visuell ist der Film extrem gelungen – eine ungewöhnliche Mischung zwischen grotesker Komödie und Drama. Die beiden Genres stehen sehr nah nebeneinander. Zwischen Lachen und Schlucken liegt oft nur ein Schnitt.

Die 90 Minuten vergehen wie im Rausch – und das liegt nicht nur am Stoff. Es gibt darin so viele grossartig inszenierte Szenen und fast jede Szene hat Kultpotenzial: die legendäre Klo-Szene (ekelhaft-schön), der Clubbesuch, das Treffen mit Diane, das Vorstellungsgespräch, Rentons Horrorentzug mit Halluzinationen und natürlich die Überdosis-Szene mit Lou Reeds PERFECT DAY.

Danny Boyle hatte im Gegensatz zum Roman ein geradliniger Plot geschaffen. Keine Umwege oder Nebenschauplätze, alles ist extrem straff inszeniert – alles ist auf maximale Wirkung getrimmt. Der Film dauert exakt so lange, wie er soll. 90 Minuten für eine rabenschwarze Komödie – goldrichtig. Denn nichts ist schlimmer als eine Komödie, in der Langeweile aufkommt oder wenn sich ein Witz totläuft. Manchmal wirkt das alles wie ein Overkill – Schnitte, Montagen, Voice-over, Musik, Drogenwahn, doch der Film macht erfahrbar, was Sucht bedeutet. Nachvollziehbar ist, dass einem beim ersten Mal alles zu viel wird. Macht nichts – dieser Film soll eh öfter gesehen werden. Und zum Schluss noch das: Der Film ist, trotz all der Härte, des Zynismus, des Drecks, kein kalter Film. Er ist gnadenlos, aber nicht herzlos. Er moralisiert nicht und bewertet nicht. Die Figuren werden weder erlöst noch verdammt – sie leben einfach weiter. Oder eben nicht. 

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Anora

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