Anora mit Mikey Madison

© Universal Pictures International Switzerland GmbH

Anora
USA 2024 | 139 Minuten
Drama, Komödie, Romanze
IMDb: 7.4 | Meine Bewertung 4.0 von 5.0

Regie, Drehbuch, Schnitt: Sean Baker; Musik: Matthew Hearon-Smith; Kamera: Drew Daniels; Cast: Mikey Madison (Anora/Ani), Mark Ejdelschtejn (Ivan “Wanja” Zakharow), Juri Borissow (Igor), Karren Karagulian (Toros).


© Universal Pictures International Switzerland GmbH | Movie Poster


 

ANORA hat sich zum Kritikerliebling entwickelt und überraschend fünf Oscars gewonnen. Der Film ist eine ungewöhnliche Mischung aus Komödie, Romanze und Drama und erzählt die Aufstiegs- und Abstiegsgeschichte einer Stripperin.


Ein widersprüchlicher Film mit beispiellosem Erfolg

Wie viele andere Zuschauerinnen und Zuschauer tat auch ich mich bei der ersten Sichtung schwer mit dem Film. Viele Szenen liessen mich irritiert zurück, immer wieder fragte ich mich, was das eigentlich soll. Erst mit der letzten Szene konnte mich der Film wirklich abholen. Auch ich stellte mir die Frage, ob das ein guter Film sei. Einwände gibt es genug und sie sind nicht von der Hand zu weisen: Die Überlänge, die dünne Handlung, die schrillen Figuren und das viele Geschrei. Im Kern ist die Geschichte tatsächlich schnell erzählt: Eine Stripperin trifft einen reichen Russen, sie heiraten, doch seine Eltern wollen die Ehe umgehend wieder auflösen.

ANORA brachte das Kunststück fertig, die beiden prestigeträchtigsten Preise der Filmwelt zu gewinnen. Sowohl den Oscar wie auch die Goldene Palme für den besten Film. Es ist erst das vierte Mal, dass dies einem Film gelang. Am 2. März 2025 feierte ANORA seine grosse Sternstunde, als Sean Baker als erster Filmschaffender überhaupt vier Oscars für dasselbe Werk entgegennahm – für Regie, Film, Originaldrehbuch und Schnitt. Baker erwies sich als ein Autor und Filmhandwerker im besten Sinne. An der Verleihung hielt er ein leidenschaftliches Plädoyer für das Kino und insbesondere das Independent-Kino: «I want to thank the Academy for recognising a truly independent film. This film was made on the blood, sweat and tears of incredible indie artists. Long live independent film!» Mit einem bescheidenen Budget von sechs Millionen Dollar spielte ANORA das Zehnfache ein und dominierte zum Jahresende die internationalen Bestenlisten. Der Film entwickelte sich zu einem unangefochtenen Kritikerliebling. Beim breiten Publikum hingegen blieb die Resonanz verhalten, teils auch verständnislos.

In drei Teilen wird die Geschichte erzählt

Kaum jemand dürfte von diesem Film restlos überzeugt sein – die meisten stolpern über manche seiner Schwächen. Besonders die wechselnden Tonlagen und die Genre-Sprünge stellen ein zentrales Problem dar. Sean Baker erzählt eine durchgehende, schlüssige Handlung, versieht sie jedoch mit drei klar unterscheidbaren Stimmungen: Zuerst eine märchenhafte Romanze, dann eine schwarze Komödie und schliesslich ein Filmdrama. Diese Vielstimmigkeit macht den Film reizvoll, gleichzeitig aber auch schwer greifbar. Wer sich auf eine Richtung einlassen will, wird bald wieder herausgerissen und muss sich neu orientieren. Daraus ergibt sich eine merkwürdige Spaltung in der Rezeption: Die einen schätzen den Liebesfilm, tun sich aber mit der Komödie schwer; andere feiern den grotesken Humor, verlieren jedoch das Interesse am Drama. Auch ich habe meine Präferenzen: Die Romanze überzeugte, die Komödie enttäuschte und das Filmdrama erwies sich als herausragend.


Zuerst eine märchenhafte Romanze, dann eine schwarze Komödie und schliesslich ein Filmdrama. Diese Vielstimmigkeit macht den Film reizvoll, gleichzeitig aber auch schwer greifbar.


Der Film lässt sich in drei Phasen gliedern, die jeweils eine eigene Stimmung prägen. So entstehen drei markante Abschnitte, die man etwa mit folgenden Titeln benennen könnte: «Ani trifft Wanja» (bis Minute 41), «Wanja verschwindet» (bis Minute 86) und «Anora fällt auf den Boden der Realität» (bis Minute 130). Jede Phase entfaltet eine unverwechselbare Atmosphäre, die wesentlich über Ani/Anora vermittelt wird. ANORA ist damit kein willkürlicher Genre-Mix, sondern ein Film, der seine Erzählung bewusst in wechselnden Tonlagen gestaltet.

Teil 1: Ani trifft Wanja

In einem Stripclub in Brooklyn begegnet die Tänzerin Ani (die im privaten Leben Anora heisst) dem exzentrischen russischen Gast Wanja, der zugleich verrückt und charmant wirkt. Am nächsten Tag landet sie in seiner Villa – schnell kommt es zum Sex. Zunächst wirkt alles wie ein Geschäft, doch zwischen den beiden entsteht spürbar Nähe, und bald wird Anora zu seiner Freundin für eine Woche. Sie verbringen die Tage wie junge Liebende: Sie ficken ständig miteinander, Wanja kifft, zockt Videospiele und wirft mit Geld um sich. Trotz der Unterschiede ihrer Milieus entwickelt sich die Beziehung überraschend organisch, bis Wanja ihr einen Heiratsantrag macht – und die beiden in Las Vegas tatsächlich vor den Altar treten. Der Film entfaltet in dieser Phase die Sogwirkung einer rauschhaften Romanze: Verrucht, intensiv, von Musik und Party-Atmosphäre getragen – ein schillerndes Fest der Gefühle.

Dieser Abschnitt funktioniert wie ein modernes Märchen, eine Aschenputtel-Variante mit klaren Anleihen an PRETTY WOMAN (1990). Die Parallelen liegen auf der Hand: Ein wohlhabender Mann trifft zufällig eine Prostituierte, gesellschaftliche Schranken scheinen aufgehoben, Liebe triumphiert. Alles ist eingetaucht in den Glanz einer Liebeskomödie – rosig, schillernd, voller Honeymoon-Gefühle. Und wie bei PRETTY WOMAN endet dieser erste Teil mit einem vermeintlich makellosen Happy End.

Teil 2: Wanja verschwindet

Im Auftrag seiner Eltern tauchen die beiden russischen Handlanger, Garnik und Igor im Haus des Liebespaares auf und machen Wanja klar, dass er mit der Hochzeit einen furchtbaren Fehler begangen hat. Die Situation wird für ihn ungemütlich, zumal auch seine Eltern aus Russland anreisen. Wanja flieht und lässt Anora allein mit den Eindringlingen zurück. Sie wehrt sich mit allen Mitteln und bringt sowohl die beiden Handlanger als auch später den Manager Toros an ihre Grenzen.

Dieser Abschnitt ist völlig anders als der erste. Die Ausgelassenheit ist dahin, und das Geschehen konzentriert sich nicht mehr auf das Liebespaar. Phasenweise herrscht ein totales Durcheinander: Es wird gestritten und geschrien. Der Film verwandelt sich in eine schwarze Komödie, oft so überdreht, dass nur das Lachen bleibt. Zugleich wirkt diese Phase aber auch nervig, da die Slapstick-Einlagen und der groteske Humor sich schnell einmal zu Tode laufen.

Teil 3: Anora fällt auf den Boden der Realität

Im Stripclub stossen Anora, Torso und die Handlanger endlich auf Wanja, der sturzbesoffen apathisch einer Stripshow zusieht. Sie schleppen ihn vor ein New Yorker Gericht, doch der Ehevertrag muss in Las Vegas aufgelöst werden. Auf dem Weg dorthin stossen auch seine Eltern dazu.

Anora glaubt, durch die Heirat den sozialen Aufstieg geschafft zu haben, doch die Eltern erklären ihr die Ehe für ungültig. Wanja sei zur Hochzeit gezwungen worden. Alles wird darangesetzt, die Ehe zu annullieren. Damit kippt der Film endgültig ins Drama. Auf Anoras kurzen Aufstieg folgt ein umso härterer Absturz – visuell wie erzählerisch ist dieser Abschnitt meisterhaft umgesetzt.

Diese Erzählstruktur mag nicht spektakulär sein, doch Baker versteht es, die Zwischenräume zu nutzen und dadurch eine lebhafte und authentische Geschichte entstehen zu lassen. Nach dem ersten PRETTY-WOMAN-Teil schlägt ANORA eine ganz andere Richtung ein. Während dort die sozialen Unterschiede beinahe spielerisch übersprungen werden, bleibt Baker realistisch. PRETTY WOMAN segelt einem Happyend entgegen – that’s it. ANORA setzt genau dort an, wo die Märchenlogik endet – Unterschiede in Herkunft, Milieu und Kultur treiben unweigerlich Konflikte hervor.

Anschauungsmaterial für soziale Machtverhältnisse

Auf den ersten Blick bewegt sich ANORA innerhalb eines simplen Handlungsrasters, doch das Wesentliche ereignet sich in den Zwischenräumen. Gerade dort entfaltet der Film seine stärkste Kraft: Im Aufzeigen sozialer Unterschiede und im Aufeinanderprallen gegensätzlicher Schichten. Alles kulminiert in der Flughafenszene – der Schlüsselszene des Films. Was bis dahin lediglich angedeutet wurde, bricht hier offen und ungebremst hervor. Die Eskalation verdichtet sich exemplarisch im Konflikt zwischen den Frauenfiguren Galina Stepanowna und Anora Mikheeva, die als Sinnbilder zweier unvereinbarer Lebenswelten aufeinandertreffen.

Zunächst betrachtet Anora die Beziehung zu Wanja als ein-Wochen-Freundin nur als Job. Nach Ablauf der Woche heiraten sie in einer Blitzhochzeit in Las Vegas. Anora kommt mit in einer unbekannten Welt in Berührung. Der junge Russe protzt mit seinem Reichtum und geht verschwenderisch mit Geld um. Einmal fragt Anora, woher er oder seine Familie zu ihrem massiven Vermögen gekommen sei. Zunächst macht Wanja Scherze über Drogen und Waffen. Vor seinen Augen lässt er sie nach dem Namen seines Vaters googeln. Anora ist sprachlos, als sie den entsprechenden Internet-Eintrag entdeckt. Der Grund des Reichtums bleibt für uns verborgen, doch es wird deutlich, dass Wanja und seine Familie zu den vermögendsten Russen gehören und auch in der öffentlichen Wahrnehmung eine wichtige Rolle spielen. Anora verliebt sich in den charmanten Mann, es bleibt jedoch unklar, wie sehr sie sich von seinem Reichtum blenden lässt.

Mit der rechtmässig geschlossenen Ehe gelingt Anora ein ökonomischer Aufstieg. Formal ist sie nun die Ehefrau eines Mannes aus wohlhabendem Hause, doch Wanjas Familie akzeptiert sie nicht. Ihr guter Sohn hat eine Stripperin mit niedrigem Status und fragwürdiger Berufswahl geheiratet. Eine Wahl, die seine Familie als inakzeptabel empfindet. Im zweiten Teil drängen zunächst die Handlanger der Oligarchen, die schändliche Ehe aufzulösen. Unaufhörlich sprechen sie von Scheinehe und Betrug, während Anora bei ihnen kein Gehör findet. In der Flughafenszene erreicht der Konflikt seinen Höhepunkt: Hier prallen die beiden Welten unmittelbar aufeinander, und die Eskalation ist unvermeidlich.

Die Flughafenszene ist für mich die Szene des Films, weil hier die dramaturgische Fallhöhe am grössten ist, der Crash voll durchgezogen wird und die Inszenierung schlichtweg brillant ist – nicht zuletzt durch den Wechsel zwischen lauten und ruhigen Momenten. Showtime für Wanjas Mutter, Galina Stepanowana: Zielstrebig schreitet sie auf ihren missratenen Sohn zu. Schon an ihrem Schritt ist die Wut über ihn und seine Tat ablesbar; sie steht kurz vor der Explosion. Sie umarmen sich flüchtig, während Anora im Hintergrund zusieht. Galina beschuldigt ihren Sohn: «Du hast uns zur Schande der ganzen Nation gemacht.» Anora beobachtet zunächst interessiert, versucht dann, sich einzubringen, und stellt sich freundlich vor. «Ich bin stolz, Frau von Wanja zu sein und Teil einer guten Familie.» In Galinas Ohren klingt das wie eine Provokation. Sie reagiert rabiat: «Du gehörst nicht dazu!» Sofort wird deutlich, dass die kleine Nutte keinen Platz in ihrer Familie hat. Die Statusunterschiede treten jetzt in voller Härte zutage. Galina scheint zu denken: Was erlaubt sich diese kleine Prostituierte, sich als Teil ihrer angesehen Familie zu fühlen? Sie streitet alles ab und macht selbst die Ehe nichtig. Doch Anora bringt ihr stärkstes Argument vor: «Wir lieben uns.» Doch in dieser Familie gilt das nicht als Grund zu heiraten.

© Universal Pictures International Switzerland GmbH

Verzweifelt klammert sich Anora an ihren Status und will ihn nicht aufgeben, weil er gleichbedeutend mit ihrem Abstieg und der Rückkehr in ihr früheres Leben ist. Mehrfach appelliert sie an ihren Noch-Ehemann, um ihre Legitimation als Ehefrau zu sichern. Selbst kurz vor dem Abflug nach Las Vegas fordert sie ihn auf, endlich Verantwortung zu übernehmen und ein Mann zu sein. Doch Wanja hat Anora als seine Ehefrau längst aufgegeben und ignoriert ihre Worte. In einer anderen Szene weicht er ihrem fragenden Blick aus, setzt demonstrativ eine Sonnenbrille auf, um ihr nicht in die Augen sehen zu müssen. Auf dem Rollfeld trottet er apathisch neben ihr her, ohne den Mut, sich klar zu positionieren. Sein einziges Ziel ist inzwischen, es seinen Eltern recht zu machen, aus Angst vor Konsequenzen und dass sie ihm den Geldhahn definitiv zudrehen. Anora ist ihm jetzt egal geworden, auch das, was er ihr angetan hat. Auf den Treppenstufen des Flugzeugs nimmt er Anora jede Illusion eines Happy Ends. Die Scheidung sei unvermeidlich. Ich finde diese Szene hervorragend gespielt, weil in diesem Moment ein Wendepunkt bei Anora sichtbar wird: Von nun an richtet sich ihr Widerstand nicht mehr nur gegen die Familie, sondern auch gegen Wanja selbst.

Draussen vor dem Flugzeug erkennt Anora, dass ihre kurze Ehe gescheitert ist. Jetzt versucht sie, für sich wenigstens noch etwas herausschlagen. Zunächst weigert sie sich, ins Flugzeug zu steigen und in Las Vegas die Annullierung zu vollziehen. Stattdessen versucht sie, die Familie zu erpressen. Doch schnell zeigt sich, dass die Russen am längeren Hebel sitzen: Sie sind geübt in solchen Auseinandersetzungen und haben die besten Anwälte auf ihrer Seite. Galina droht ihr offen mit der völligen Zerstörung. Sie werde ihr alles nehmen. Diese Szene beeindruckt besonders durch Galinas eiskalte Selbstgefälligkeit, mit der sie ihre Worte spricht – dabei lief es mir kalt den Rücken herunter. Der Druck wirkt – Anora steigt ins Flugzeug. Dort sitzt sie enttäuscht und stumm, während Galina ihrem Sohn unaufhörlich Vorwürfe macht. Einmal bricht es aus Anora heraus und sie schleudert ihm entgegen, dass er ein erbärmlicher Wichser sei. Es ist ein letztes Aufbäumen gegen seine Feigheit.

Nachdem alle unterschrieben haben und die Ehe offiziell aufgelöst ist, meldet sich Igor, einer der eine Handlanger zu Wort und fordert Wanja auf, sich wenigstens bei Anora zu entschuldigen. Galina blockt sofort ab. Es kommt erneut zum offenen Disput. Bezeichnend ist, dass nicht Wanja das Wort ergreift, sondern wieder seine Mutter die Initiative übernimmt. Noch einmal beschimpft Anora die Familie als Abschaum, während Galina sie als «dreckige Hure» diffamiert. Zwar hat Galina ihr Ziel erreicht, und die Ehe ist Geschichte, doch sie will Anora demütigen. Nichts soll ihr bleiben, nicht einmal ein Schal, den sie als letztes Überbleibsel ihres vermeintlich höheren Status trägt. Galina entreisst ihr auch diesen, als wollte sie sie symbolisch ausziehen und zurück in die Gosse stossen. Die Familie behandelt Anora von Anfang an wie eine Aussätzige, und sie setzt alles daran, den Titel der Ehefrau rückgängig zu machen. Ihre heftige Gegenwehr dient der Familie wiederum als den Beweis: In ihren Augen entlarvt Anora sich selbst als ungebildete, unverschämte Furie aus der Unterschicht.

In der Flughafenszene verdichtet sich der zentrale Konflikt des Films zu einem unverstellten Schlagabtausch der sozialen Welten. Die Statusunterschiede treten unmissverständlich zutage, dabei prallen die unterschiedlichen Haltungen und Vorstellungen der Statusbesitzer ungebremst aufeinander. Die Flughafenszene ist so stark, weil Aufstieg, Abstieg und die Statusrollen selten so präzise und anschaulich in einem Kinofilm zur Schau getragen werden. Während die Reichen mit ihren finanziellen Möglichkeiten, sich die besten Anwälte und die hinterhältigsten Handlanger leisten können, wehrt sich die finanziell eingeschränkte Anora mit ihren Mitteln. Konflikte löst sie anders: Immer wieder verliert sie die Beherrschung, wird laut, ausfallend und primitiv. Es ist ein Verhalten, das sie aus ihrem Milieu verinnerlicht hat. Mit ihrer dreisten Gossensprache beleidigt sie ihren Noch-Ehemann, dessen Mutter und die gesamte Familie.


Die Familie betrachtet sich als ehrbar, weil sie Ansehen, Reichtum und Macht vereint. Eine kleine Prostituierte wie Anora passt da nicht hinein.


Von Anfang an diffamieren die russischen Handlanger Anora, indem sie sie als Prostituierte ansprechen. Sprache wird zur Waffe – ihre Selbstbezeichnung als Ehefrau von der Familie wird von ihnen konsequent negiert. Beide Seiten geraten in Rage, sobald die andere Seite die falsche Bezeichnung wählt. Während Anora von Scheidung spricht, beharren die Russen auf Annullierung (was ein entscheidender Unterschied ist). Darin zeigt sich, wie vehement sie für ihre Rolle kämpft. Status ist nicht das, was andere einem zuschreiben, sondern auch das, was man für sich selbst reklamiert. Doch wenn sie zwar „auf dem Papier“ reich und verheiratet ist, von der Familie jedoch nicht akzeptiert wird, fühlt sich dieser Aufstieg für sie wie ein Verlust an Wertschätzung an.

Die Familie betrachtet sich als ehrbar, weil sie Ansehen, Reichtum und Macht vereint. Eine kleine Prostituierte wie Anora passt da nicht hinein. Für sie ist Anora ein Schandfleck, die ihren Ruf beschädigt. In der Sozialpsychologie spricht man von Statusinkonsistenz: Anora erreicht in einer Dimension (Geld durch die Ehe) einen hohen Status, bleibt aber in anderen Dimensionen (Bildung, Prestige) niedrig. Der kurzfristige Aufstieg scheitert, weil nur eine Statussäule nicht ausreicht. Für Anora bedeutet die Ehe zwar einen plötzlichen sozialen Aufstieg, doch in den Augen der Familie bleibt sie ein Eindringling, der Anerkennung verweigert wird. So kippt die anfängliche Märchenromanze in ein bitteres Drama, in dem sie Schritt für Schritt ihrer Illusion beraubt wird. Ihr Aufstieg scheitert letztlich an ihrer Herkunft und ihrem Beruf, die sich als unüberwindbaren Barriere erweisen.

Mit sparsamen Pinselstrichen zu Figuren mit prägnanten Konturen

Wie schon in THE FLORIDA PROJECT (2017) beeindruckte mich erneut, wie Baker gesellschaftliche Rollen auf differenzierte Weise in den Mittelpunkt setzt. Auch in ANORA gelingt ihm das ausgezeichnet. Mit wenigen, prägnanten Momenten schafft er es, aus Nebenfiguren starke Funktionsträger zu zeichnen, die im Verhältnis zur Hauptfigur eine zentrale Rolle im Gesamtgefüge einnehmen.

Nehmen wir den Handlanger Igor. Zunächst wirkt er wie ein einfacher Mitläufer, der nur seinen Job ausführt und gegen Anora kämpft. Doch schon bald zeigt sich, dass er ihre kämpferische Art bewundert und die Ungerechtigkeit erkennt, die ihr widerfährt. Im Flugzeug sitzt er neben ihr, ein stiller Verbündeter. Es lohnt sich sein Gesicht genau zu studieren. Sein Schauspiel überzeugt durch minimale Gesten – oft genügt ein Blick, um sein wechselndes Verhältnis zu Anora zu verstehen. Im Gegensatz zu seinen russischen Landsleuten ist er ein integrer Ehrenmann, fordert von Wanja eine Entschuldigung und begleitet Anora nach New York, wird jedoch von ihr weiterhin abgelehnt. Als Teil dieser Familie kann er keine ungeteilte Loyalität erwarten. Igor gehört zur Unterschicht und steht Anora dadurch näher als Wanja. Auch er verdient sein Geld mit einem «Bullshit»-Job. Besonders deutlich wird das an seinem Geburtstag: Statt ihn im Kreis von Freunden oder Familie zu feiern, sitzt er gezwungenermassen neben der feindlich gesinnten Anora, die an ihrem verhängnisvollen Tag tobt und schreit, während er die Drecksarbeit für die Oligarchen erledigen muss. Er hat keine Wahl – so sind nun einmal die gesellschaftlichen Bedingungen. Dennoch blitzt inmitten dieser Zwangslage eine andere Dimension seiner Figur auf: Igor stiehlt den Ehering und schenkt ihn Anora. Spätestens in der letzten Szene erkennt man, dass sich zwischen den beiden eine Liebesgeschichte entsponnen hat, wie man sie wohl noch nie gesehen hat.

Auch Diamond, Anoras Stripperkollegin, erfüllt eine zentrale Funktion und unterstreicht die Vielschichtigkeit der Geschichte. Wie Anora gehört sie der Unterschicht an, doch im Gegensatz zu ihr bleibt sie in ihrem prekären Leben gefangen. Zwischen den beiden herrscht eine erbitterte Rivalität, wie sie gerade zwischen gesellschaftlich Gleichgesinnten häufig beobachtet werden kann. Als Anora den scheinbaren Aufstieg durch ihre Ehe feiert, reagiert Diamond mit unverhohlenem Neid. Hämisch ruft sie bei ihrem triumphierenden Abtritt hinterher, dass die Ehe ohnehin nur zwei Wochen halten werde. In der sozialen Hierarchie steht Anora nun über Diamond, was diese offensichtlich verbittert. Später, als Wanja in den Club zurückkehrt, will Diamond ihrer Rivalin eins auswischen und bietet sich ihm in der Kabine an. Damit kann sie Anoras Triumph direkt untergraben und ihr eine schmerzhafte Breitseite versetzen. Am Ende eskaliert die Rivalität endgültig. Anora und Diamond tragen ihren Streit nicht mehr mit Worten, sondern mit den Fäusten aus.

Anora

© Universal Pictures International Switzerland GmbH

Auch die Figur Wanja offenbart ebenfalls mehr Tiefe als zunächst ersichtlich. Anfangs erscheint er wie ein reicher, verzogener Bengel. Doch auch für ihn bringt die Hochzeit klare Vorteile. Kurz nach der Trauung jubelt er, nun Amerikaner zu sein – eine Bemerkung, die weit über eine neue Nationalität hinausgeht. Mit dem «Amerikaner-Sein» verbindet er vor allem Freiheit und eine Emanzipation von seinen kontrollierenden, erwartungsvollen Eltern. Diese Loslösung scheint für ihn ein zentraler Ausdruckswunsch zu sein. Die räumliche Distanz hilft ihm, dem «goldenen Käfig» zu entkommen. Möglicherweise ist auch die Ehe mit Anora ein Akt der Rebellion. Sie ist für ihn attraktiv, wahrscheinlich auch sympathische – doch letztlich spielt das Geld eine wesentliche Rolle. Denn Wanja besitzt selbst keines; alles gehört seinen Eltern. Mit seinen 21 Jahren bleibt er ein Muttersöhnchen, das sich wohl nie ernsthaft gegen sie gestellt hat. Sobald er den Bruch wagt, riskiert er, das bequeme Leben und das Geld zu verlieren. Da er sich noch kein eigenes finanzielles Standbein geschaffen hat, ist seine Abhängigkeit enorm – und so knickt er auch rasch ein, als seine Eltern später auftauchen, gibt es für die geforderte Scheidung schlicht keine Option.

Ganz entscheidend für diesen Film ist die bislang nahezu unbekannte Schauspielerin Mikey Madison, die den Film massgeblich trägt. Sie war auf dem Weg, sich als «Scream Queen» zu etablieren. Zuvor war sie in ONCE UPON A TIME ... IN HOLLYWOOD als schreiendes Opfer zu sehen, das brutal zugerichtet wird, und in SCREAM 6 spielt sie eine Frau, die zwischen unschuldiger Liebenswürdigkeit und hinterhältiger Bösartigkeit wechselt. Sean Baker hat die Rolle auf sie zugeschnitten. Für diese Leistung in ANORA gewann sie als eine der jüngsten Schauspielerinnen den Oscar als beste Hauptdarstellerin. Wie gross ihr Talent ist, wird deutlich, wenn man ihre öffentlichen Auftritte in Shows oder Interviews beobachtet. Madison ist eine herzensgute, zuvorkommende Person mit einem unverkennbar aufrichtigen Wesen und mit dem Herz ganz auf dem rechten Fleck. Vermutlich liegt das daran, dass sie noch nicht lange im Geschäft ist und vieles auf sich wirken lässt. Sie wirkt geerdet und normal – weit entfernt von der angehobenen Show von anderen weiblichen Hollywoodstars. Für ihre Rolle als Anora musste sie jedoch ganz neue Charakterzüge annehmen, und ihr Verhalten unterscheidet sich deutlich von dem, wie sie sich privat gibt.

Madison ist auch keine makellose Schönheit wie Julia Roberts in PRETTY WOMAN. Sie ist rauer, normaler, vulgärer, kennt das Rotlichtmilieu und setzt dort ihre Mittel ein. Sie ist keine Bitch, sondern das Girl von nebenan. Sie ist schön, ohne übertriebene Modelmasse, und besitzt eine sympathische, bodenständige Ausstrahlung, selbst in diesem Milieu. Der Film vereint komödiantische, laute Szenen mit ruhigen, subtilen Momenten, und Madison beherrscht diese Spannweite meisterhaft. Man taucht in ihr Gesicht ein und erkennt die verschiedenen Facetten ihres seelischen Zustands. Sie ist eine physische Schauspielerin – nicht nur, weil sie eine Stripperin spielt, sondern weil ihr Körper Ausdrucksmittel ihres Charakters ist. Sie spielt mit vollem Einsatz, bringt ihren Ärger körperlich zum Ausdruck, jede Faser ihres Körpers ist beteiligt. Für sie ist dies die einzige Möglichkeit, sich gegen die gesellschaftlichen Hierarchien und Statuszwänge zu behaupten. 

Zurück
Zurück

The Terminator

Weiter
Weiter

Trainspotting